„Im Abgrund“ in ZWIELICHT 1

Zwielicht 1Die seit 2009 erscheinende Horror-Magazin-Reihe ZWIELICHT, herausgegeben von Michael Schmidt und Achim Hildebrand, bringt es mittlerweile auf acht Ausgaben. Ich war schon öfters mit Kurzgeschichten vertreten, mit Im Abgrund auch bereits in der allerersten, die längst vergriffen ist (wie die meisten anderen auch). Nach und nach werden die alten Ausgaben jetzt neu aufgelegt. ZWIELICHT 1 ist gerade erschienen und enthält unter anderem Storys von Tobias Bachmann, Bernard Craw (Robert Corvus), Achim Hildebrand, Peter Nathschläger, Marcus Richter, Torsten Scheib, Jakob Schmidt und Michael Schmidt. Abgerundet wird die Ausgabe durch Genreartikel, z.B. über Montague Rhodes James.

Leseprobe „Im Abgrund“

Die Prioritäten in Burkards Leben verschoben sich grundlegend, als die Welt plötzlich ihr Oben und Unten verlor. Auf einer Wichtigkeitsskala von eins bis zehn belegte der Termin beim alten Hubrich, der vorher eine Acht oder gar eine Neun erhalten hätte, jetzt eine glasklare Eins. Und der notorische Schleicher in dem rostigen Fiat war mit einem Mal vergessen, als hätte eine Windbö sein Spielzeuggefährt weggeweht.

Der Überschlag war rasend schnell erfolgt, dafür zog sich die Rutschpartie auf dem Wagendach den Abhang hinunter eine halbe Ewigkeit hin. Der Mercedes rasierte Büsche ab, fällte eine dürre Birke, als wäre sie aus Pappe und blieb schließlich in einer Bodenmulde liegen, gebettet auf dichtbewachsene Weidensträucher, die das Fahrzeug mit ihrem ausladenden Astwerk umschlangen.

Burkard stieß einen Schrei aus, der gar nicht mehr enden wollte. Er brüllte den Schock und den Schmerz in die Abenddämmerung hinaus und gewahrte erst jetzt die zerborstene Scheibe der Beifahrertür. Ein daumendicker Ast hatte sich durch das Loch ins Fahrzeuginnere geschoben und wedelte neugierig mit seinen Blättern.

Allmählich ebbte der Schrei ab. Burkard ging die Luft aus, und er fürchtete, ohnmächtig zu werden. Er japste und hustete, während er nach dem Schloss des Sicherheitsgurtes tastete. Mit zittrigen Fingern brauchte er lange, bis er endlich die Schnalle öffnen konnte. Als er sich dann aus der unbequemen Position hinter dem Lenkrad lösen wollte, kommentierte ein Stich in der Magengegend die Tatsache, dass er eingeklemmt war.

Der Mercedes lag auf der Fahrerseite. Die Türverkleidung und die Armaturen bildeten ein Knäuel aus Metall, Kunststoff und Leder, das Burkards Bein in eisernem Griff festhielt. Wie ein Raubtier, das Klauen und Reißzähne in seine Beute geschlagen hat. Beim zweiten Versuch, sich aus dieser Lage zu befreien, brüllte Burkard auf. Ein rasender Schmerz zog sich vom Fußgelenk bis zum Oberschenkel hoch. Irgendetwas war da nicht nur eingeklemmt, es fühlte sich auch gebrochen, vielleicht zerschmettert, an.

Burkard warf den Kopf zurück in den Sitz und schloss verzweifelt die Augen. Er sog die Luft stoßweise ein wie ein Blasebalg. Dabei protestierte seine Lunge, als laste ein Tonnengewicht auf seinem Brustkorb.

Flach atmen, sagte er sich, und nicht bewegen! Um Gottes willen nicht bewegen …

Im nächsten Moment bohrte sich die Gewissheit in seine Eingeweide, dass er in einer abgelegenen Gegend von der Fahrbahn abgekommen und sein Wagen von oben vermutlich nicht zu sehen war – jedenfalls nicht aus einem fahrenden Auto heraus. Mit Hilfe konnte er also kaum rechnen, zumal die alte Staatsstraße selten genutzt wurde.

Burkard war in einer Kurve ins Schleudern geraten, kurz nachdem er diesen Schleicher endlich überholt hatte. Der Fiatfahrer musste gesehen haben, wie der Mercedes von der Straße abgekommen war! Hoffentlich war er nicht einfach weitergefahren …

Das Handy fiel Burkard siedend heiß ein. Wo war das verflixte Handy? Jedenfalls nicht mehr in der Ablage der Mittelkonsole. Sehen konnte er fast nichts, dazu war die Dämmerung zu weit fortgeschritten. Er schaltete die Innenraumbeleuchtung ein und ließ den Blick schweifen. Ohne Erfolg. Verbissen mühte er sich ab, um sich in eine Position zu bringen, die es ihm erlaubte, mit der Rechten tastend auf die Suche zu gehen. Aber das Handy lag im Nirgendwo, unerreichbar wie ein Ferrari. Keine Chance, an das Scheißding ranzukommen.

Ein gepresster Fluch entfuhr Burkard, gefolgt von einem wilden, unkontrollierten Schrei, mit dem er seiner Angst Luft machte. Als er das Blut entdeckte, das von seinem linken Oberschenkel auf die Türverkleidung tropfte, schaltete er das Licht unvermittelt wieder aus. Er wollte es gar nicht sehen.

Die Dunkelheit legte sich über ihn wie ein schweres, kaltes Leichentuch. Ihm wurde speiübel. Bald zitterte er am ganzen Leib, als würde das Wageninnere allmählich mit Eiswasser vollaufen. So musste es sich anfühlen, wenn man ertrank.

Die Zeit schien stillzustehen.

Monotones Rauschen im Schädel. Dumpfes Pochen im eingeklemmten Bein. Saurer Mageninhalt sucht sich den Weg ins Freie. Die aufgeplatzten Lippen brennen wie Feuer. Schmerz lässt die Uhr weiterticken.

Ein Rascheln aus heiterem Himmel, kurz darauf ein Kratzen. Burkard hielt den Atem an und lauschte angestrengt. Einen Moment lang fürchtete er, die Geräusche wären Begleitmusik für ein weiteres Abrutschen des Wagens, aber der Mercedes bewegte sich nicht.

Burkards Herz machte einen Sprung. Als das Rascheln lauter wurde, starrte er hinauf zum zerborstenen Beifahrerfenster, in dem sich der Weidenast, der in den Innenraum eingedrungen war, hin und her bewegte. Bange Sekunden vergingen, bevor eine Hand erschien, die den Ast packte und aus dem Wagen zog. Dann schob sich eine dunkle Gestalt in Burkards Blickfeld.

»Hilfe …«, röchelte er. Eigentlich hatte er laut rufen wollen, aber seine Stimmbänder versagten den Dienst.

Die Gestalt tastete sich vorsichtig näher an den Wagen heran und schaute durch das Loch in der Scheibe, die ansonsten aufgrund des spinnennetzartigen Gewebes nahezu blind war.

»Sind Sie verletzt?«, erkundigte sich der Mann, der im Dämmerlicht einer Schattengestalt aus einem Scherenschnittfilm glich.

»Mein Bein …«, jammerte Burkard, »ich bin eingeklemmt!«

Der Fremde machte sich am Türgriff zu schaffen, und es gelang ihm nach einigem Rütteln tatsächlich, die zerbeulte Tür einen Spaltbreit zu öffnen. Die Innenraumbeleuchtung wurde aktiviert, und jetzt konnte Burkard den Mann besser erkennen: ein eher unscheinbarer Mittvierziger mit Stirnglatze und einer Brille mit dicken Gläsern.

Bevor Burkard weitersprechen konnte, fiel die Beifahrertür krachend ins Schloss, und die Lampe über dem Rückspiegel verlosch augenblicklich. Panik stieg in Burkard auf wie aggressive Magensäure.

»He!«, krächzte er heiser. »Lassen Sie mich um Gottes willen nicht allein! Bitte …«

Die Tür wurde wieder geöffnet. »Entschuldigung«, sagte der Mann mit der Brille, »sie ist mir aus der Hand geglitten.« Er hatte unterdessen einen Ast abgebrochen und klemmte ihn jetzt zwischen Rahmen und Schloss, bis die Tür so weit offen stehen blieb, dass er ins Wageninnere schauen konnte.

»Ist es schlimm?«, fragte er, nachdem er sich einen Überblick über die Situation verschafft und ganz gewiss auch das Blut gesehen hatte.

»Es tut verflucht weh«, ächzte Burkard und schnappte nach Luft. »Keine Ahnung, wie ernst die Verletzungen sind.«

»Ich komme an Ihre Seite von außen nicht heran, und ich fürchte, von hier aus kann ich Sie auch nicht rausziehen.«

»Haben Sie ein Handy?«

Mit einem Kopfschütteln erwiderte der Fremde: »So etwas besitze ich nicht.«

»Ich hab eins, aber ich kann es nicht finden. Es muss irgendwo zwischen die Sitze gerutscht sein.«

Der Fremde blickte sich um, nicht ohne immer wieder respektvoll auf die Tür zu schielen. »Ich sehe kein Telefon«, erklärte er schließlich.

»Können Sie Hilfe holen? Sind Sie mit dem Auto vorbeigekommen?«

Der Fremde zögerte einen Augenblick. Zu lange, wie es Burkard schien. Und dann bestätigte er Burkards Vermutung: »Ich war hinter Ihnen. Sie … Sie haben mich vorhin überholt.«

Burkard nickte und senkte für einen Moment die Lider. Als die Schmerzwelle wieder abebbte, die seinen Körper durchflossen hatte wie ein Stromschlag, sagte er: »Bitte holen Sie Hilfe! Bis zur nächsten Ortschaft sind es zehn Kilometer. Dort gibt es Telefone …«

Wieder zögerte der Fremde. »Ja, natürlich«, brummte er dann. Er sagte es auf die Art und Weise, der gewöhnlich ein Aber folgt. Ein nachdrückliches Aber, wie seine tief gefurchte Stirn signalisierte.

© 2009 Christian Weis

Ein freundlicher Helfer – oder etwa nicht? Wie es weitergeht, kann man in ZWIELICHT 1 nachlesen.

10 Antworten zu “„Im Abgrund“ in ZWIELICHT 1

  1. Gut! Wirklich gut, die Steigerung der jeweils eingebrachten Komponenten. , Die Personifikationen und Vergleiche sind in jedem Fall sinnvoll und wirkungsvoll eingesetzt und ich mag es, wenn der echte Horror in menschlicher Wiilkür und Beschränkung besteht statt irgendwelchen Werwolf- und Vampirgestalten, die heutzutage sowieso mehr Beziehungskrisen und Psyche haben als die eigentlichen Menschen, was die Stelle, an der du abbrichst, nahelegt.
    Ich hab‘ mir das jetzt mal bestellt. Wenn der Rest mies ist, nehme ich natürlich alles zurück *grins*.

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  2. So, Band erhalten und mehrere Geschichten gelesen. Es wird dich freuen, dass deine mein klarer Favorit ist, nicht nur wegen der schönen Abstimmung von Beginn und Ende mit der Oben-/ Unten-Sache, sondern auch von der Konfliktlösung her. Wie sag ich’s, ohne zu spoilern – es ist so normal. Alles geschieht so normal und dass es geschieht, ist unwahrscheinlich genug. Das ist mir lieber als jeder Zombie und jede Geistererscheinung. Finde ich klasse. Erst war ich enttäuscht, doch jedes andere Ende würde moralisch werden.
    Doch jetzt hätte ich allerdings eine Frage: Wie kommt das Ding in einen Band von Horrorgeschichten?
    Ich frage in eigener Sache, weil ich als Fanschreiber mich grad um eine Fanpublikation bemühe, auch bei Leuten, die ich ausgesprochen schätze und witzigerweise würde genau der Lothar Bauer, der zum Zwielicht I die Innenillus machte, mir wegen einer andern Fankooperation ein Titelblatt machen, und plötzlich stehe ich vor dem Problem, zu definieren, warum ich mehrere der Geschichten als Phantastik sehe (die anderen haben zum Glück Vampire und Geister und einen Tesserakt und zwei Raumschiffe sind drin und so …) kannst du mir erklären, warum so was Normales Phantasik sein soll?

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    • Freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat! :-)

      Wie kommt das Ding in einen Band von Horrorgeschichten? Ganz einfach: Als Michael Schmidt seine ZWIELICHT-Reihe startete, wollte er bewusst eine große Bandbreite abdecken – „unheimliche Literatur“ oder Horror und dunkle Phantastik nannte er es damals wohl.
      „Horror“ wird zwar oftmals mit übernatürlichem Horror gleichgesetzt, aber eigentlich ist der Genrebegriff weiter gefasst. Es betrifft das Gefühl des Horrors an sich – im Genre geht es um angsteinflößende und / oder gruselige Vorkommnisse, die auch übernatürlichen Ursprungs sein können, aber nicht müssen. Das Horrorgenre wird zur Phantastik gezählt, sprengt aber eigentlich den Rahmen, indem es auch in einen Bereich vorstößt, der oftmals mit „Psychothriller“ umschrieben wird. So werden zum Beispiel „Slasherfilme“ wie „Scream“ oder „Psycho“ dem Horrorgenre zugerechnet, obwohl es darin kein übernatürliches Element gibt.
      Mit Genregrenzen bzw. -schubladen ist das immer so eine Sache … Ich mag dieses Schubladendenken, das viele entwickeln (z.B. auch Verlage, weil sie ihre Bücher irgendwie vermarkten wollen / müssen) nicht so sehr, wobei Schubladen als Orientierungshilfe durchaus nützlich und auch wichtig sind.
      „Harry Potter“ oder „Twilight“ ist für mich z.B. nur sehr bedingt dem Horrorgenre zuzurechnen – es gibt darin dunkle, übernatürliche Phantastik, aber das Gefühl des Horrors wird eher nachrangig bedient.
      Übrigens mag ich übernatürlichen Horror auch und schreibe auch viel, das in diese Richtung geht. Allerdings bemühe ich mich dabei, die ausgelutschten Pfade nicht zu beschreiten oder von dort auf Seitenwege zu gehen, um neue Aspekte reinzubringen. Nichtsdestotrotz kann ich mich auch für klassische dunkle Phantastik begeistern, wenn es gut gemacht ist (wie etwa „Penny Dreadful“).

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  3. Der Anfang der Geschichte klingt toll :) Aber ich hätte eine Frage zum Buch auf Amazon: Steckt da eine bestimmte Absicht dahinter, das Buch nur gedruckt anzubieten – und ohne Leseprobe?

    Gefällt 1 Person

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