Wolf’s Hour

Robert R. McCammons Unschuld und Unheil (Boy’s Life) gehört zu meinen Lieblingsromanen. Was diesen US-amerikanischen Autor betrifft, ist das aber ein Sonderfall, denn was ich von ihm sonst bisher gelesen habe, hat mich nicht so recht überzeugt. Bis ich jetzt auf Wolf’s Hour gestoßen bin, seinen Werwolf-Roman aus dem Jahr 1989, der beim Festa Verlag aufgrund seiner ungefähr 850 Seiten (in der flott zu lesenden Übersetzung von Manfred Sanders) in zwei Bücher gesplittet herauskam: Die Verwandlung und Berserker lauten die Einzeltitel.

Wolfs Hour 1Michael Gallatin, der als Mikhail Gallatinow in Russland geboren wurde, betätigt sich im 2. Weltkrieg als Spion für den britischen Geheimdienst. Seit seine Familie in den Wirren der Oktoberrevolution ums Leben kam und er von einem Wolf gebissen wurde, ist er kein normaler Mensch mehr: Das Wolfsrudel, das den Jungen aufgezogen hat, gehört der Spezies der Lykanthropen an, die man gemeinhin als Werwölfe bezeichnet. Und Gallatins besondere Fähigkeiten machen aus ihm natürlich einen Agenten, der seinen reinmenschlichen Kollegen und Gegnern überlegen ist. Dies kommt ihm bei seinem gefährlichsten Auftrag entgegen: Im Vorfeld der Landung der Alliierten in der Normandie springt er über Frankreich mit dem Fallschirm ab und wird von Widerstandskämpfern unterstützt, die ihn ins Herz Deutschlands bringen – bis nach Berlin. Hitler scheint einen Trumpf im Ärmel zu haben, eine besondere Waffe, die gegen die Invasionstruppen eingesetzt werden soll. Gallatin muss herausfinden, was das ist – sonst droht der Krieg eine unerwünschte Wendung zu nehmen.

Wolfs Hour 2McCammon streut immer wieder Rückblenden in Gallatins Kindheit in Russland ein, die seinen Werdegang als Werwolf innerhalb des Rudels zeigen. Auch Lykanthropen müssen erst lernen, mit ihrer besonderen Physiologie umzugehen. Und sich an die Jagd und rohes, blutiges Fleisch gewöhnen. Anders als bei den klassischen Werwölfen können diese Lykanthropen die Verwandlung steuern, sie sind nicht auf den Vollmond angewiesen. Als Spion kommen Gallatin seine besonderen Fähigkeiten natürlich gelegen, wenn auch niemand wissen darf – auch nicht seine Kollegen und Verbündeten –, welches dunkle Geheimnis er mit sich herumschleppt.

Wolf’s Hour ist eher ein actionreicher Abenteuerroman, weniger eine Horrorgeschichte klassischer Prägung. Trotzdem geht es teilweise deftig zu, wobei nicht in erster Linie die blutige Natur des Wolfs für Erschrecken sorgt – vielmehr sind es die Verhaltensweisen „normaler“ Menschen, soweit man SS-Sadisten als „normal“ bezeichnen kann. Und es sind Szenen wie der Erstickungstod eines dieser Sadisten, der sich vor den Reißzähnen des Wolfs in Sicherheit bringen will und dabei in einem Leichenberg außerhalb eines Konzentrationslagers jämmerlich erstickt. Der Roman ist also für zarte Gemüter nicht unbedingt geeignet. Auch nicht für Leute, denen klischeehafte Formulierungen wie „scharf geschnittene germanische Nase“ den Lesespaß verleiten, denn McCammon zeichnet ein Bild von den bösen Nazis, das man aus amerikanischen Kriegsfilmen oder Indiana Jones kennt. Wer darüber hinwegsehen kann – und über Formulierungen wie „wanderte in das feuchte Zentrum ihres Verlangens“ in Sexszenen – wird seine Freude haben. Wolf’s Hour ist kein Meisterwerk wie Unschuld und Unheil, aber trotzdem spannend von Anfang bis Ende.

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