Bombennacht

Der gebürtige Mainfranke Roman Rausch wurde durch seine Würzburg-Krimis um den Kriminalbeamten Kilian bekannt, angefangen mit Tiepolos Fehler. Daneben veröffentlichte er auch historische Romane, in die sich zuletzt Bombennacht eingereiht hat. In dem Roman geht es um den 16. März 1945: An diesem Tag wurde die mainfränkische Metropole Würzburg bombardiert und zu neunzig Prozent zerstört – damit war es die am schlimmsten getroffene Stadt im gesamten Deutschen Reich. Nach Schätzungen starben bei der Bombardierung durch die Royal Air Force über 5000 Menschen.

bombennachtDer Roman umfasst die Zeit von sechs Uhr bis zum nächsten Morgen. In Würzburg haben Tausende Flüchtlinge Zuflucht gefunden, außerdem werden ständig Verwundete von den Fronten in die Krankenhäuser der Stadt verlegt. In der Nervenheilanstalt hat der Arzt und SS-Offizier Professor Werner das Sagen. Seine Tochter feiert am 16. März ihren Geburtstag, für den Abend sind Gäste eingeladen. Unterdessen deckt in der Klinik Krankenschwester Fanny auf, was Werner mit Patienten gemacht hat, die in den vergangenen Monaten angeblich auf natürliche Weise verstorben sind. Überdies taucht Werners Sohn German, SS-Offizier wie der Vater, in Würzburg auf, nachdem er vor den Gräueln, die er und seine Kameraden an Juden verübt haben, desertiert ist. Gleichzeitig laufen in England die Vorbereitungen für die Bombardierung der Stadt, die nach neun Uhr abends erfolgen soll. In Würzburg ahnt niemand etwas davon. Die Universitäts- und Kulturstadt gilt nicht als kriegswichtiges Ziel, und da der Bahnhof bereits zerstört ist, wähnen sich die Bewohner einigermaßen sicher. Ein Trugschluss, wie sich am Abend zeigt, als die nach Deutschland einfliegenden Bomberstaffeln ihren Kurs im letzten Moment ändern und auf Würzburg und Nürnberg zusteuern.

Rausch vermischt die historischen Fakten mit fiktiven Geschehnissen, die jedoch ein Abbild dessen ergeben, wie es damals in und um Würzburg ausgesehen haben muss und was in etwa abgelaufen ist. Gerade die Schilderungen, wie sich die Menschen bei und nach der Bombardierung verhalten, erinnert an das, was man auch von Zeitzeugen gehört oder gelesen hat. Es dürfte also jede Menge Recherchearbeit in dem Buch stecken.

In den ersten beiden Dritteln nimmt sich Rausch Zeit, die Protagonisten einzuführen, die exemplarisch für die Menschen stehen, die damals in der Stadt gelebt haben. Da gibt es die Nazi-Parteibonzen und Angehörige der SS, die gehörig Dreck am Stecken haben. Es gibt Menschen, die ahnen, was die Nazis verbrochen haben, es aber nicht wahrhaben wollen, und es gibt die, die mehr wissen, es aber totschweigen. Es gibt einen Juden, der bisher mit viel Glück unbehelligt geblieben ist und nun ins befreite Frankreich fliehen will. Und es gibt Bewohner, die einfach nur darauf hoffen, dass der Albtraum bald vorbei sein möge. An den „Endsieg“ glaubt sowieso keiner mehr, nicht einmal der SS-Professor.

Im letzten Drittel schildert Rausch schließlich die langen Stunden ab neun Uhr abends. Als der erste Fliegeralarm ausgelöst wird, hoffen viele noch darauf, dass sie verschont bleiben – schließlich haben sie solche Situationen schon öfter miterlebt, und immer ist der Kelch an ihnen vorübergegangen. Doch als die Bomberstaffeln Richtung Würzburg einschwenken, wird es Gewissheit: In wenigen Stunden wird nichts mehr so sein wie zuvor. Was dann passiert, liest sich wie ein erschreckender Tatsachenbericht, der einem buchstäblich den Atem stocken lässt. Wer die Spreng- und Brandbomben überlebt, sieht sich bei der Flucht aus den Luftschutzkellern vor dem Erstickungstod mit einem Inferno konfrontiert, wie er es sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen konnte. Im Feuersturm, der weit über tausend Grad Hitze erreicht, schmelzen sogar die Kirchenglocken …

wuerzburg-luftbild-1945Dass die Bombardierung Würzburgs für den Ausgang des Krieges eigentlich keine Bedeutung hatte, erschüttert umso mehr – diese Angriffe hatten vor allem den Zweck, die Moral der Zivilbevölkerung zu brechen. Ähnlich wie die deutsche Luftwaffe zuvor mittels Bombenterror die englische Bevölkerung mürbe machen wollte, haben später auch die Alliierten agiert. In Bombennacht greift Roman Rausch all das auf bewegende und packende Art und Weise auf: Aus trotz vielfältiger Kriegswirren nahezu idyllischen Momenten an einem sonnigen Frühlingstag entwickelt sich quasi die Hölle auf Erden. Als Leser kann man diese Hölle beinahe körperlich miterleben, so intensiv und realitätsnah liest sich das alles. Und es ist nicht vorbei, wenn man am Ende den Buchdeckel zuschlägt. Der Roman ist als Hardcover beim Echter Verlag erschienen.

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