Traveller

Watership Down gehört seit Langem zu meinen Lieblingsbüchern. Trotzdem war es der einzige Roman des britischen Schriftstellers Richard Adams, den ich (schon mehrfach) gelesen habe. Das wollte ich endlich ändern und hab mir seinen 1988 veröffentlichten Roman Traveller gegönnt, der als Paperpack bei der Edition Phantasia erschienen ist. Titelheld ist eins der Pferde, die der legendäre Südstaaten-General Robert E. Lee während des amerikanischen Bürgerkriegs geritten hat.

travellerDer Wallach Traveller berichtet Tom Beißer – Lees Hauskater, der im Pferdestall nach Mäusen sucht – von seinen Erlebnissen während der Feldzüge. Dabei ist seine Sichtweise etwas naiv, obwohl er in diesen Kriegsjahren unglaublich viel gesehen und erlebt hat. Er erzählt, dass er anfangs gespannt auf dieses „Krieg“ war, wohin er den General tragen sollte – er hatte natürlich keine Ahnung, wo und was das ist und was ihn dort erwartet. An die schrecklichen Bilder von Tod und Verstümmelung konnte er sich später nie so recht gewöhnen, auch wenn er es sich zur Aufgabe gemacht hat, seinem Reiter, dem von seinen Soldaten so viel Ehrfurcht entgegengebracht wurde, möglichst gut zu dienen. Traveller sah nicht nur Menschen sterben, sondern auch viele Pferde und Mulis, mit denen er sich immer wieder unterhalten und von denen er das eine oder andere erfahren hat. Jedoch konnte ihm keins der anderen Tiere erklären, wofür dieser seltsame Krieg, den es unter Tieren niemals geben könnte, eigentlich gut sein soll. Das Pferd des Präsidenten der Konföderierten hat es so beschrieben: „Einander umbringen? Das machen die Menschen eben. Da könntest du mich ebenso gut fragen, warum die Sonne über n Himmel zieht.“

Diese Sichtweise der Tiere zeigt sehr eindrucksvoll, wozu Menschen als eigentlich vernunftbegabte Spezies fähig sind. Allerdings nicht nur im negativen Sinn. Traveller erkennt durchaus auch positive Züge wie Freundschaft und Kameradschaft. Am verstörendsten ist es für ihn, dass sich die Menschen scheinbar ohne Grund gegenseitig auf grauenhafte und brutale Art und Weise umbringen und dabei auch ihre treuen vierbeinigen Gefährten in Gefahr bringen oder gar in den Tod schicken.

General Lee und Traveller im September 1866

General Lee und Traveller im September 1866

Travellers Plaudereien sind teilweise amüsant, oft machen sie jedoch nachdenklich, und gelegentlich erschüttern sie auch. Die Übersetzung war sicher nicht einfach, weil Adams das Pferd so erzählen lässt, wie ihm der Schnabel, pardon, das Maul gewachsen ist. Aber Joachim Körber hat das sehr gut hinbekommen. Man gewöhnt sich schnell an den flapsigen Erzählstil. Insgesamt ein sehr lesenswertes, beeindruckendes Buch, das aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel ein historisches Ereignis und menschliches Verhalten betrachtet. Für meinen Geschmack ist der Roman allerdings etwas zu lang geraten. Zwischendurch ähneln sich manche Begebenheiten, von denen Traveller berichtet, und einige Schilderungen sind sehr detailliert geraten, z.B. diejenigen über die Schlacht von Gettysburg, auch wenn das natürlich ein Schlüsselereignis des Bürgerkriegs war. Hätte ich nicht den Film Gettysburg gesehen, hätte ich wohl vom Verlauf der Schlacht nicht alles verstanden, weil Traveller stets aus seiner sehr subjektiven und naiven Sichtweise erzählt. Neutral formulierte, ein- bis zweiseitige Einschübe geben jedoch gelegentlich einen Überblick über die realen historischen Ereignisse, wodurch man als Leser die wichtigsten Abläufe nachvollziehen kann.

4 Antworten zu “Traveller

  1. Wie ist denn der Roman vom Stil her? Wäre der als Schullektüre geeignet?

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  2. Das klingt wirklich spannend, aber ich muss ja auch noch Watership Down lesen.

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