Coldheart City Blues

Im IF MAGAZIN #5 ist meine Story Coldheart City Blues erschienen. Das Magazin widmet sich in dieser Ausgabe einer besonderen Spezies: den Superhelden. Die weiteren Storys stammen von Harald Havas, Markus Kastenholz, Marius Kuhle, Tobias Reckermann, Nele Sickel, Frank Tumele und Alistair Rennie. Erhältlich ist das Magazin hier.

Leseprobe:

Den beiden abgefuckten Typen sah Zira sofort an, was sie im Schilde führten. Ihre mittels Schlabberlook und Wiegeschritt zur Schau gestellte Coolness war nur gespielt, und das nicht mal besonders gut. Die verlotterten Gang-Fuzzis stanken garantiert eine Meile gegen den Wind. Zum Glück besaß Zira kein Riechorgan.

Beim Eintreten hielten sie die Köpfe gesenkt. Die tief in die Stirn gezogenen Kapuzen ihrer übergroßen Sweatshirts verdeckten ihre Gesichter für die Überwachungskameras. Vor dem Zeitschriftenregal trennten sie sich wie auf Kommando. Während der Größere der beiden auf seinen schlaksigen Beinen zielstrebig die Getränkekühlschränke in der Ecke ansteuerte, näherte sich der Kräftigere dem langen Tresen, hinter dem sich neben der Snackbar auch die Kasse befand.

Im Libellenmodus flog Zira über die frei stehenden Regale im Zentrum des Tank-Shops hinweg, um die beiden Arschgeigen im Blick zu behalten. Dabei schwebte sie dicht unter der Decke, wo sie von den Kameras nicht erfasst werden konnte. Sie fokussierte ihr Linsenauge kurz auf den jungen Mann mit den Dreadlocks hinter dem Tresen, dessen markant geschnittene Visage mit dem Grübchenkinn netter aussah, als aus der Ferne gedacht. Laut Namensschild hieß er Dave. Sein T-Shirt identifizierte ihn als Fan der Coldheart City Knights. Und somit als Todfeind des Kräftigen, dessen breiten Rücken der Schriftzug der C.C. Pilgrims zierte. Todfeind jedenfalls, soweit es die Anhänger der beiden Skaterfight-Teams betraf. Hätte Zira einen Kopf besessen, hätte sie ihn geschüttelt, denn dass beide Teams nur Pfeifen in ihren Reihen hatten, wusste doch jedes Kind.

Pilgrim hielt kurz inne, als er das Knights-Shirt entdeckte. Aber dann zog er seinen Plan durch: Er fingerte eine Stift-Spraydose aus seinem Sweater und sprühte in Richtung der Kamera über dem Tresen. Der schwarze Lack stülpte sich wie ein Netz über das Objektiv und machte das Überwachungsauge blind.

Zira schwenkte herum und sah gerade noch, wie der Hagere auf dieselbe Weise die Kamera über den Kühlschränken ausschaltete. Er schob die Kapuze in den Nacken und offenbarte seine blaugezackten Tattoos auf dem kahl geschorenen Schädel, bevor er sich der Kasse näherte. Ein Iceman also. Ebenso wie Pilgrim, bei dem sich die fluoreszierenden Tattoos übers Kinn und bis zu den Wangenknochen zogen, als er seine Kapuze zurückschlug, deren Grauschleier das Neonblau zuvor unsichtbar gemacht hatte.

Dave schien weder geschockt noch besonders verängstigt zu sein. Er wusste natürlich, dass die Icemen das Ostviertel von Coldheart City beherrschten, und es waren sicher nicht die Ersten, die er zu Gesicht bekam. Seine Miene fror ein. Er blieb ruhig stehen und ließ die Hände dort, wo die Icemen sie sehen konnten: auf dem Tresen.

»Okay, Daveyboy«, sagte Pilgrim mit breitem Grinsen, nachdem er den Namen vom Plastikschild auf Daves Brust abgelesen hatte. Die Düse seines Spraystifts zielte genau auf dieses Schild, und die roten LEDs auf der Seite des Stifts zeigten, dass er inzwischen mit etwas anderem als Schwarzlack geladen war. »Du nimmst jetzt ohne jede Hektik die Kohle aus der Kasse, außerdem die Codekarten für die Tanksäulen und die BrainEnergy. Wenn du hübsch brav bist, vereisen wir dich und sind in einer Minute hier raus. In fünf Minuten bist du wieder aufgetaut und kannst weiter deinen Arsch auf dem Hocker da platt sitzen – oder was immer du heute Nacht noch vorhast. Deal?«

Daves Mundwinkel zuckten leicht. Er starrte Pilgrim an, der angesichts dieses durchdringenden Blicks nervös zu werden schien.

Zira hielt ihre Position direkt unter dem Rauchmelder, mit dessen Lamellen ihre vibrierenden Flügel nahezu verschwammen. Wenn jemand nur flüchtig zu ihr heraufsah, würde er sie nicht entdecken. Sie splittete ihr Linsenauge, damit sie auch den hageren Iceman auf dem Schirm behielt, doch sie selbst konzentrierte sich auf Dave und Pilgrim.

»Ich hab dich was gefragt, Daveyboy!« Eine Spur Unsicherheit mischte sich in Pilgrims knarrende Stimme.

»Ich verkaufe Sprit, ElektroPads und Lebensmittel«, entgegnete Dave, ohne den stechenden Blick von Pilgrim zu lösen, »ansonsten deale ich nicht.«

Der Hagere verließ seine Position, von der aus er den Eingangsbereich und die Kasse im Auge behalten hatte, und näherte sich Dave. Jetzt zückte er einen umgebauten Spraystift, der Stahlbolzen verschoss. Seine Hand zitterte leicht.

»Mach hier nicht den Affen«, warnte er Dave, »sonst können sie dich in zwei Teilen hier raustragen!« Irritiert schielte er zu seinem Kumpan hinüber, dem es anscheinend die Sprache verschlagen hatte.

Pilgrim ließ die Rechte sinken, kurz darauf plumpste sein Spraystift auf den Boden. Sein Blick blieb starr geradeaus gerichtet. Direkt auf die graue Wand hinter der Kasse.

»He, was is’n los, Mann?«, fragte der Hagere. Ihm war anzusehen, wie sehr sein Nervensystem nach einem Schuss Ice verlangte.

Dave wandte sich ihm zu und fixierte ihn mit seinem Blick, wie er es zuvor bei Pilgrim getan hatte. Es dauerte nicht lange, bis auch der Hagere seine Waffe fallen ließ, als wäre er vereist worden.

Zeitgleich wanden sich Pilgrim und sein Kumpan um, schritten auf das Regal mit den Kondomen zu und rissen zwei Schachteln auf. Samt Plastikverpackung steckten sie eins nach dem anderen in den Mund und schluckten die Gummis würgend hinunter. Dann holten sie aus dem Verkaufsständer neben der Tür zwei Flaschen mit Motoröl für Transparentmaschinen, öffneten sie und tranken einen Teil des Inhalts mit gierigen Schlucken. Den Rest schütteten sie sich gegenseitig über die tätowierten Kahlschädel, bis das neongrüne Öl über ihre Augen und Ohren lief.

Mit stoischer Miene verließen sie den Tank-Shop, als ob nichts gewesen wäre. Zira flog ihnen hinterher, bevor die Schiebetüren sich automatisch schlossen. Sie folgte den beiden, die zwischen den Tanksäulen hindurch wie Marionettensoldaten auf die dicht befahrene Straße zumarschierten.

Ein Paketkurier, der gerade den Akku seines EBoards auflud, schaute den neongrün leuchtenden Icemen kopfschüttelnd hinterher. Als er ihre gezackten Gang-Tattoos auf den kahl rasierten Hinterköpfen bemerkte, verging ihm das Grinsen.

Zira erkannte, was die beiden Icemen vorhatten und beschleunigte, um sie noch vor der Straße einzuholen. Sie flog eine Schleife und surrte direkt vor ihren Gesichtern vorbei, um sie aufzuhalten. Doch die beiden nahmen sie überhaupt nicht wahr und näherten sich mit staksenden Schritten der Straße.

Jack, wo bleibst du denn?, rief Zira in Gedanken.

Bin ja schon auf dem Weg!, antwortete Jack.

© 2017 Christian Weis

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