Archiv der Kategorie: Film & TV

Penny Dreadful

Während seit einiger Zeit Remakes und Fortsetzungen von Publikumserfolgen sowie Aufgüsse in 3D das Kino zu beherrschen scheinen, entwickeln Miniserien immer mehr ihr Innovationspotential fürs filmische Storytelling. Längst haben Produzenten erkannt, dass man in diesem Sektor, wenn man es richtig macht und entsprechend Geld in die Hand nimmt, komplexere Geschichten erzählen kann, die das Publikum begeistern und binden. Längst agieren Schauspieler, die man früher nur auf der Leinwand sah, auch in diversen Serien, die mit herkömmlichen, billig produzierten und schnell abgedrehten TV-Serien und Daily Soaps nichts gemeinsam haben. Um ein Beispiel zu nennen: Ein realitätsnaher Film über den Zweiten Weltkrieg wie Der Soldat James Ryan, Spielbergs Meisterwerk und ein Meilenstein der Kinogeschichte, lässt sich auf die althergebrachte, familientaugliche Art und für herkömmliche Produktionskosten nicht adäquat für den Bildschirm umsetzen, aber mit den Miniserien Band of Brothers und The Pacific haben HBO und Spielberg bewiesen, dass man den Vergleich zur großen Leinwand nicht zu scheuen braucht. In zehn Folgen zu je ungefähr 50 Minuten lässt sich nicht nur ein kleiner Ausschnitt eines Ereignisses erzählen, man kann das Ereignis komplett und in vielen Facetten abbilden. Außerdem muss das Publikum nicht ein Jahr warten, bis die Geschichte weitererzählt wird, wie es etwa beim Herrn der Ringe der Fall war.

Penny Dreadful 1Ein Penny Dreadful ist das viktorianische Pendant zu unserem Groschenroman – und es ist der Titel einer amerikanisch-britischen Fernsehserie von Showtime, die es in sich hat. Produzent und Drehbuchautor John Logan hat dafür nahezu alles aufgeboten, was in der viktorianischen Schauerliteratur bzw. Gothic Fiction Rang und Namen hat: Victor Frankenstein samt Kreaturen, Dorian Gray, Dracula, van Helsing und Mina Murray sowie deren Vater, der versucht, seine Tochter den Klauen der Vampire zu entreißen. Hinzu gesellen sich eine vom Teufel Besessene, ein amerikanischer Kunstschütze mit dunklem Geheimnis und noch einige mehr.

Im Jahr 1891 ist Sir Malcolm Murray (gespielt von Ex-James-Bond Timothy Dalton) auf der Suche nach seiner Tochter Mina, die er in den Fängen von Vampiren vermutet. Dabei hilft ihm Vanessa Ives (Eva Green), eine Freundin von Mina. Sie heuern den amerikanischen Kunstschützen Ethan Chandler (Josh Hartnett) an, der gerade in London mit einer Wildwest-Show gastiert. Außerdem hilft ihnen Victor Frankenstein mit seinen medizinischen Kenntnissen. Nach und nach erfährt der Zuschauer in den acht Episoden der 1. Staffel, dass alle ein mehr oder weniger dunkles Geheimnis mit sich herumschleppen. Vanessa Ives ist von einem Dämon besessen. Frankenstein wird von der von ihm zum Leben erweckten Kreatur erpresst, er soll eine Gefährtin erschaffen. Und Chandler läuft im Grunde vor sich selbst weg – oder vor dem, was in ihm schlummert. Später kreuzen Dorian Gray und Abraham van Helsing die Wege der Vampirjäger, und nicht alle überleben das dunkle Ränkespiel, das sich entwickelt.

Die Miniserie wurde mit großem Aufwand inszeniert und ist sowohl optisch als auch von den Schauspielerleistungen her sehenswert. Eva Green stellt als Besessene alles in den Schatten, was etwa Linda Blair in Der Exorzist geboten hat. Aber auch die anderen gehen in ihren Rollen auf, und ihr Spiel trägt die Serie, die inhaltlich nichts bahnbrechend Neues gegenüber dem bietet, was man von Frankenstein, Dorian Gray und all den anderen aus den klassischen Werken der Gothic Novel kennt. Trotzdem ist das Ganze spannend, denn gerade die Geheimnisse hinter den Protagonisten und ihr Zusammenwirken machen neben der tollen Atmosphäre den Reiz von Penny Dreadful aus. Vergleiche zu Game of Thrones sind hinsichtlich der Machart, des Looks, des Aufwands und der Schauspielerleistungen durchaus angebracht. Ob sie standhalten, muss die 2. Staffel zeigen, die schon aufs Anschauen wartet. Allerdings scheint die Serie nicht den Erfolg gebracht zu haben, den man sich davon erhofft hat, denn die 3. Staffel bildet wohl den Abschluss, wie zu lesen ist.

Wiederentdeckt: Der weiße Hai

In den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren standen Autoren wie Alistair MacLean oder Peter Benchley für spannende Abenteuerromane, die häufig auch verfilmt wurden. Jedenfalls blieben diese beiden Namen bei mir nachhaltig hängen. Benchleys Faible für die Ozeanologie brachte ihn schon bei seinem Debütroman Der weiße Hai (Jaws) dazu, die Geschichte am Meer spielen zu lassen. In seinen weiteren Büchern setzte sich das fort, etwa bei Das Riff (The Deep) oder Freibeuter des Todes (The Island), die ebenfalls den Weg ins Kino fanden. Allerdings war er mit den Verfilmungen nicht immer glücklich, da die Kinoadaptionen von seinen Buchfassungen abwichen. Andererseits sorgte nicht zuletzt Steven Spielbergs Filmversion dafür, dass sich Benchleys Hai-Thriller von 1974 dreißig Millionen Mal verkaufte.

Der weiße HaiDie Neuausgabe im Hardcover beim Wiener Milena Verlag bescherte mir jetzt eine Wiederentdeckung der Romanfassung. Sie ist um zwei Essays von Peter Benchley ergänzt, in denen er die Entwicklung der Haiforschung und die drohende Ausrottung der Meeresräuber thematisiert, außerdem äußert er sich zu den Abweichungen der Drehbuchfassung von seiner Romanvorlage. Leider haben sich in den Buchsatz ein paar Fehler eingeschlichen, wodurch zum Beispiel Trennstriche mitten in der Zeile auftauchen – allerdings in einem für mich noch verschmerzbaren Rahmen.

Im Atlantik-Badeort Amity wird eine junge Frau, die nachts alleine im Meer baden geht, von einem Hai attackiert und getötet. Als Polizisten die angeschwemmten Überreste finden, will Polizeichef Brody den Strand für Schwimmer sperren. Doch die Stadtoberen, allen voran Bürgermeister Vaughan, reden es ihm aus, weil eine vermeintliche Haigefahr Amity in den Ruin treiben könnte. Schließlich lebt das Städtchen von seinen Sommergästen. Erst nachdem zwei weitere Haiopfer zu beklagen sind, setzt sich Brody durch. Der Fischkundler Matt Hooper soll den Hai aufspüren, aber seit ein offensichtlich von einem Hai attackiertes Fischerboot verlassen vor der Küste vorgefunden wurde, gibt es keine weiteren Anzeichen dafür, dass der Raubfisch – anhand eines Zahnfundes im Bootsrumpf legt sich Hooper fest, dass es ein etwa drei Tonnen schwerer Weißhai sein muss – noch die Gewässer vor Amity durchstreift. Während Brodys Ehefrau Ellen, die mit ihrem Leben unglücklich ist, ihren Mann mit Hooper betrügt, erpresst Vaughan den Polizeichef, damit er die Strände wieder freigibt. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, tötet ein Mann die Katze der Familie Brody vor den Augen des jüngsten Sohnes – die Mafia hat in Amity ihre Finger im Immobiliengeschäft und will sich dieses nicht vermiesen lassen. Also gibt es nur eins: Der Hai muss zur Strecke gebracht werden. Dafür wird der Fischer Quint engagiert, der sich mit Brody und Hooper in seinem Boot Orca auf die Jagd begibt.

Bei der Lektüre hat sich gezeigt, wie präsent eine Filmversion sein kann, wenn man den Roman liest, nachdem man den Film etliche Male gesehen hat. Im Buch werden die Hauptfiguren anders beschrieben als die Darsteller in Spielbergs Blockbuster, aber beim Lesen hatte ich ständig Roy Scheider, Robert Shaw und Richard Dreyfuss vor Augen … Außerdem konnte ich wieder einmal feststellen, dass sich Autoren früher – zumindest gefühlt – kürzer fassen konnten als heutzutage: Nach 260 Seiten ist der Roman zu Ende, und diese Länge ist auch völlig angemessen. Vielleicht lag das aber auch daran, dass sie ihre Werke noch in die Schreibmaschine tippen mussten, was gerade bei der Überarbeitung und einem Nochmaltippen härtere Arbeit bedeutete als im Zeitalter von modernen Datenverarbeitungsprogrammen.

Der weiße Hai DVDBenchley verfasste auch den ersten Entwurf des Drehbuchs, allerdings wurde er dabei angehalten, nur die Abenteuergeschichte zu verwenden und Themen wie Ehebruch oder Mafia außen vor zu lassen. Carl Gottlieb schrieb schließlich noch einiges um, so dass sich der Film nur grob an die Romanhandlung hält und viele Einzelheiten zu den im Buch wesentlich vielschichtigeren Personen und Hintergründen fehlen. Auch viele Details zur Haiforschung werden nur grob angesprochen, wodurch der Hai im Film eher als mordlüsternes Monster rüberkommt, weniger als Raubtier, das seinen Instinkten folgt. Der gesamte Mittelteil des Romans mit Ellen Brodys Seitensprung und den Mafiaaktivitäten entfällt. Diese Handlungselemente hätten dem Film sicher etwas von der Spannung genommen, die Protagonisten aber in einem anderen Licht erscheinen lassen. Die Jagd nach dem Hai in der zweiten Filmhälfte läuft im Film anders ab, zumal es keine Spannungen zwischen Hooper und Brody (der im Roman etwas von dem Seitensprung ahnt) gibt. Dass die Haiattrappe nicht so funktionierte, wie der damals 29jährige Steven Spielberg es sich vorgestellt hatte, und deshalb seltener und oftmals nur kurz zu sehen ist, schadet dem Film nicht – dadurch wirkt der Meeresräuber, unterstützt durch John Williams’ genialen Soundtrack, umso bedrohlicher. In der Buchfassung wird der Hai eher als majestätischer Raubfisch dargestellt, was ihm aber nichts von seiner furchteinflößenden Erscheinung nimmt. Der erste Satz in der ordentlichen Romanübersetzung von Vanessa Wieser lautet: „Der mächtige Fisch bewegte sich, angetrieben von kurzen Schlägen seines sichelförmigen Schwanzes, ruhig durch die nächtliche See.“

Ich weiß heute nicht mehr, ob ich damals zuerst die Verfilmung gesehen oder den Roman gelesen habe, meine aber, die zerfledderte Taschenbuchversion erst nach dem Kinobesuch in die Finger bekommen zu haben. Bei der Erstaufführung 1975 durfte ich noch nicht ins Kino, weil ich zu jung war. Aber in den Siebzigern und Achtzigern gab es bei uns ständig Wiederaufführungen von erfolgreichen Filmen, bevor Videotheken diese speziellen Programme unrentabel machten. So konnte ich Filme wie Der weiße Hai, Spiel mir das Lied vom Tod, Ben Hur oder auch die älteren James-Bond-Streifen auf der großen Leinwand sehen, bevor sie dann über die kleine Mattscheibe flimmerten. Von Der weiße Hai besitze ich die DVD-Version mit der Originalsynchronisation – es gibt auch eine klanglich aufgemotzte, bei der allerdings die neuen Sprecherstimmen so ungewöhnlich klingen, dass ich diese Version beim Anschauen schon nach wenigen Minuten abgebrochen habe.

Das Ding aus einer anderen Welt

Astounding SF August 1938John W. Campbell veröffentlichte unter dem Pseudonym Don A. Stuart seine SF-Horror-Novelle Who Goes There? im Jahr 1938 in ASTOUNDING SCIENCE-FICTION (das es unter dem Namen ANALOG übrigens immer noch gibt!), als er selbst der Herausgeber dieses amerikanischen Magazins war. Wer sich für alte Pulp Magazine interessiert, kann kostenfrei die August-Ausgabe 1938 als PDF herunterladen. Seitdem wurde die Novelle mehrfach verfilmt und sicherlich unzählige Male in Anthologien abgedruckt. Beim Festa Verlag erschien sie jetzt auch in einer eigenständigen Buchausgabe, allerdings zusammen mit dem Horrorroman Parasite Deep – Parasiten aus der Tiefsee von Shane McKenzie als Wendebuch, da die Novelle nur etwa 100 Seiten lang ist.

Das DingIn einer Antarktis-Forschungsstation sehen sich die knapp 40 Crewmitglieder mit einem Fund konfrontiert, der vermutlich Jahrmillionen im ewigen Eis gelegen hat: Ein Wesen aus einer anderen Welt taut in der Station langsam aus dem Eisblock auf, in dem es geborgen wurde, bevor das Raumschiff, dem es entstammt, bei der Bergungsaktion zerstört wurde. Die Wissenschaftler sind sich nicht einig, ob von dem Alien nicht eine zu große Verseuchungsgefahr ausgeht, wenn es aus dem Eis befreit wird – wer weiß schon, was es aus seiner fremden Welt auf die Erde eingeschleppt hat? Dennoch wird es aufgetaut, denn es bietet natürlich auch die einmalige Gelegenheit, ein extraterrestrisches Lebewesen zu untersuchen, von dem die leitenden Wissenschaftler glauben, dass es tot ist und alle Keime längst abgestorben sein müssen. Dass dem nicht so ist, kann man sich denken – und so kommt es, wie es kommen musste: Das Ding aus einer anderen Welt befreit sich und befällt fortan die Schlittenhunde und auch die Crewmitglieder. Es kann die Gestalt seiner Opfer nachahmen, wodurch niemand in der Forschungsstation mehr sicher sein kann, ob sein Gegenüber noch ein Mensch ist.

Das Ding FilmErstmals wurde die Novelle 1954 von Howard Hawks und Christian Nyby unter dem Titel The Thing verfilmt. Damals jedoch nicht besonders werksgetreu, man orientierte sich nur an der Grundidee. Wesentlich näher an Campbells Geschichte blieb John Carpenter, der sich 1982 an eine Neuverfilmung wagte, die längst Kultstatus genießt (wie viele andere Carpenter-Streifen auch). Kurt Russell spielte die Hauptrolle, und Rob Bottin sorgte für die Tricktechnik, mit der das sich immer wieder verwandelnde Alien auf der Leinwand endlich auch storygerecht dargestellt werden konnte. Den Soundtrack steuerte Ennio Morricone bei, allerdings ergänzt durch einige Tracks von Carpenter himself, der in jüngster Vergangenheit auf einer Live-Tour die selbstkomponierte Musik aus seinen Filmen präsentiert hat. Ich hab den Film schon zigmal gesehen und kann ihn immer wieder anschauen.

Kein Witz: Gemäß einer Tradition sehen sich die Crewmitglieder der realen Südpol-Station gemeinsam beide Filmversionen von The Thing an dem Tag an, an dem das letzte Flugzeug vor dem Winter die Station verlässt. Makaber, makaber.

Das Ding Parasite DeepDer Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich den anderen Roman des Wendebuchs, Parasite Deep, nur quergelesen habe. Wer einen kurzen, derb-deftigen B-Movie-Horror-Roman im FSK-18-Format lesen möchte, in dem kaputte, permanent fluchende Typen von Meeresungeheuern gefressen werden, kann ja mal reinlesen. Ich mag zwar viele B-Movies, aber hier fehlt mir das gewisse Etwas, das einigen von diesen Filmen zum Kultstatus verholfen hat. Trotzdem lohnt sich das Buch: Who Goes There? ist ein großer Klassiker und Meilenstein der Science Fiction.

AKTE X – Vertrauen Sie niemandem

Parallel zur Ausstrahlung der 10. AKTE-X-Staffel im deutschen Fernsehen veröffentlichte Cross Cult die erste Anthologie mit X-Files-Storys, die Bram-Stoker-Award-Gewinner Jonathan Maberry 2015 herausgab – natürlich in Abstimmung mit dem Serienschöpfer Chris Carter. Mit AKTE X – Vertrauen Sie niemandem beweist die Cross-Cult-Crew wieder einmal, dass sie nicht nur schöne Comics, sondern auch schöne Bücher machen kann (wie etwa die Neuausgabe der 007-Romane im Schuber).

Akte X Vertrauen Sie niemandemDie Storys decken die gesamte Bandbreite ab, die AKTE X ausmacht: Mulder und Scully werden mit Fällen konfrontiert, wie sie auch in der Serie zu finden sind. Seltsame Phänomene, Spukhäuser, übersinnlich Begabte, Aliens und andere fremdartige Kreaturen geben ihnen Rätsel auf, deren Lösung sie in ihrer typischen Art auf der Spur sind – Mulder mit dem Riecher fürs Übernatürliche, Scully eher skeptisch und nüchtern-analysierend. Dabei variiert die Erzählperspektive, zwei Geschichten sind sogar aus Sicht von Assistant Director Skinner geschrieben. Manche spielen zur Anfangszeit des außergewöhnlichen Ermittlerduos in den Neunzigern, einige auch später. Eine Story zeigt Spooky Mulder einige Jahre vor dem ersten Zusammentreffen mit Scully. Ob sich diese Mischung zufällig so ergeben oder Herausgeber Maberry den Autoren hierzu Vorgaben gemacht hat, lässt sich seinem Vorwort nicht entnehmen, aber seine Zusammenstellung bringt viel Abwechslung in die Anthologie.

Einzelne Storys kann ich nicht wirklich herausheben, da es viele gute bis sehr gute sind und nur zwei oder drei dagegen abfallen. Müsste ich Favoriten benennen, wären es diese: Katatonie von Tim Lebbon (in einer Kleinstadt verschwinden Teenager und verhalten sich nach ihrem Wiederauftauchen seltsam), Gebissen von Paul Crilley (nimmt die Twilight-Serie satirisch auf die Schippe), In El Paso ist mein Leben nichts wert von Keith R.A. DeCandido (Mulder und Scully helfen einem Kollegen bei einem Serienmörderfall), Paranormal Quest von Ray Garton (eine TV-Geistershow wird auf besondere Weise manipuliert), Schau mir in die Augen, Kleines von Heather Graham (in einem Laden für Halloweenpuppen und auf dem benachbarten Friedhof geht Seltsames vor), Das Haus auf dem Hickory Hill von Max Allan Collins (Spukhaus-Geschichte à la Amityville-Horror) und Statuen von Kevin J. Anderson (im Death Valley tauchen versteinerte Menschen auf). Da ich die Geschichten über einen längeren Zeitraum hinweg gelesen habe, immer mal ein, zwei hintereinander, ohne mir zu jeder Story Notizen zu machen, ist das eher eine Aufzählung aus dem Bauch heraus.

Eins hab ich im Buch vermisst: Da ich viele der beteiligten Autoren bisher nicht kannte, wären Infos zu jedem Einzelnen nicht verkehrt gewesen. Laut Vorwort schreiben sie ansonsten Krimis, Thriller, Horror, Fantasy und Science Fiction – also genau die Mischung, die man für AKTE X braucht. Und sie verstehen ihr Handwerk. Die Anthologie kann ich wärmstens empfehlen – nicht nur eingefleischten Fans der Serie.

Der Totgeglaubte

Nachdem ich die Verfilmung The Revenant – Der Rückkehrer gesehen hatte, musste ich unbedingt auch das Buch lesen. Der historische, auf Tatsachen beruhende Abenteuerroman von Michael Punke erschien auf Deutsch unter dem Titel Der Totgeglaubte bei Malik (gehört zur Piper Verlag GmbH).

Der TotgeglaubteIm Jahr 1823 ist ein Pelztierjägertrupp unter dem Kommando von Captain Henry in den nördlichen US-Territorien unterwegs, als Hugh Glass von einem Grizzly angegriffen wird. Henry lässt zwei Trapper bei dem Schwerverletzten zurück, die ihn begraben sollen, wenn er es nicht überlebt. Doch die beiden bleiben nicht bei ihm, weil sich feindliche Indianer in der Nähe herumtreiben. Glass’ unbändiger Hass auf die beiden, die ihn im Stich gelassen und seiner Waffen beraubt haben, hält ihn am Leben. Es gelingt ihm, allen Widrigkeiten zum Trotz, nach einem wochenlangen Martyrium einen Handelsposten zu erreichen, wo er sich neu ausrüstet, um die beiden Ex-Kameraden zu verfolgen. Mit einer kleinen Trappergruppe fährt er in einem Kanu den Missouri River flussaufwärts, doch wieder schlägt das Schicksal zu: Bei einem Angriff der Arikara werden einige Trapper getötet, Glass entkommt den Indianern und muss sich erneut allein durch die Wildnis kämpfen. Seinen Racheplan gibt er aber auch jetzt nicht auf.

The RevenantDie Verfilmung schildert nur einen Teil des Romans, die gesamte zweite Buchhälfte wird im Film stark verkürzt und verändert dargestellt. Der Roman leistet zudem etwas, das der Film fast völlig ausklammert: Er zeichnet nicht nur das Leben der Hauptfiguren nach, sondern auch ein Bild von der Eroberung bislang unbekannter Territorien durch die Weißen, die ein Netz von Handelsposten aufgebaut und notfalls mit Waffengewalt gegen die Einheimischen verteidigt haben. Die Wagnisse und Entbehrungen, aber auch das raue und teilweise brutale Leben, das die Trapper geführt haben, kommen im Buch deutlicher zur Geltung, ausgeschmückt mit vielen Details, angefangen von der Handhabung und Pflege der Waffen über die Bekleidung und Nahrung bis hin zum Aussehen und zur Ausstattung der primitiven Handelsposten und Forts. Neben dem Aufbau des kommerziellen Pelzhandels ist auch das Zusammenleben mit den Indianern, die teilweise mit den Weißen Handel trieben, und der Kampf gegen die Stämme, die nicht friedlich gesonnen waren, immer wieder Thema.

Über allem steht jedoch das, was Hugh Glass erlebt und durchmacht. Punke schildert dies so haut- und realitätsnah, dass man es als Leser tatsächlich miterleben kann. Wenn der Trapper dem Erfrieren nahe ist, kann einem schon mal das Frösteln kommen, und wenn er sich von Aas zu ernähren versucht, grummelt es einem im Magen. Die Landkarte in der Hardcover-Ausgabe hilft, die Strecken nachzuvollziehen, die Hugh Glass zu bewältigen hat.

Der Totgeglaubte ist ein großartiger, beeindruckender Roman und fast schon eine Art Zeitdokument, auch wenn nur der historische Rahmen und grobe Handlungselemente verbürgt sind.

The Hateful 8

The Hateful 8Und noch ein Western: Nach Django Unchained präsentiert Quentin Tarantino mit The Hateful 8 seinen zweiten Western. Gedreht wurde nicht digital, sondern auf 65-mm-Film mit alten anamorphen Panavision-Linsen, die ein Format von 2,76:1 ermöglichen, das Ultra Panavison 70 bezeichnet wird – damit wurde 1962 zum Beispiel Meuterei auf der Bounty gedreht, und mit dem formatgleichen System Camera 65 von Metro Goldwyn Mayer entstand 1959 Ben Hur (das berühmte Wagenrennen muss man auch in diesem Format anschauen!). Dass auf den allermeisten Kinoleinwänden maximal ein Format von 2,35:1 gezeigt werden kann, war Tarantino letztlich schnuppe, zumal die Firma Panavision extra für seinen Film einige Kameras für die in den Sechzigerjahren eingemotteten Ultra-Panavison-Linsen umbaute. In einem Extra auf der DVD wird speziell auf das Format eingegangen, was für mich ein kleines Fest war. Als Teenager hab ich mal einen halben Nachmittag in unserer Schulbibliothek mit einem Film-Buch zugebracht, in dem es speziell um Filmformate und Tonsysteme ging: CinemaScope, Cinerama, Super Panavision, VistaVision, Todd-AO, 6-Kanal-Magnetton … Vielleicht sind diese Begriffe ja dem einen oder anderen geläufig – falls nicht, dann hilft Wikipedia weiter. Für Filmfans und -freaks hat Tarantino, der ja selber einer ist, halt ein großes Herz.

Ultra Panavision 1,331,33:1

Ultra Panavision 1,851,85:1

Ultra Panavision 2,352,35:1

Ultra Panavision 2,762,76:1 (Ultra Panavision 70)

Aber zurück zum eigentlichen Film: Zwei Kopfgeldjäger schließen sich auf dem Weg durch die verschneiten Berge zusammen. John Ruth (Kurt Russell) will seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) lebend in Red Rock abliefern, Marquis Warren (Samuel L. Jackson) befördert seine Gefangenen lieber als Leichen – schließlich heißt es auf den Steckbriefen ja „tot oder lebendig“. Unterwegs gabeln sie noch einen Mann auf, der sich als zukünftiger Sheriff von Red Rock vorstellt. Sie machen Halt an einer einsamen Postkutschenstation und treffen dort auf einige Männer, von denen sich vermuten lässt, dass sie nicht alle diejenigen sind, die sie zu sein vorgeben. Zumal vom Stammpersonal der Station niemand zu sehen ist – die Aushilfe behauptet, seine Kollegen wären kurzfristig verreist …

Natürlich lässt sich der Rest erahnen. Es geht bei dem Film nicht so sehr um das „was“ und „ob“, sondern eher um das „was genau“ und „wie“. Tarantino knüpft bei der Inszenierung an seine Erzählweise bei Pulp Fiction an: Die einzelnen Abschnitte werden als „Kapitel“ bezeichnet, außerdem sind sie nicht durchgehend chronologisch angeordnet. Über weite Strecken quatschen die Protagonisten eher, als dass sie handeln, doch aus dem kammerspielartigen Gequatsche ergeben sich heftige Szenen, die an Reservoir Dogs und Django Unchained erinnern (mit Tim Roth und Michael Madsen hat Tarantino zudem zwei Schauspieler gecastet, die immer wieder in seinen Filmen auftauchen). Als Zuschauer darf man lange Zeit miträtseln, wer denn nun gut und wer böse ist. Wobei, so richtig „gut“ ist von den Typen eigentlich keiner, aber das macht schließlich den Reiz aus.

Mit 161 Minuten ist der Film für meinen Geschmack etwas zu lang geraten, aber es ist ein typischer Tarantino, und keinesfalls sein schlechtester Film. Bemerkenswert ist neben dem ungewöhnlichen Filmformat auch der Soundtrack, der von Altmeister Ennio Morricone komponiert und mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Erstmals seit 1981 hat Morricone für Tarantino wieder einen Western mit seinen Sounds veredelt.

Um noch einmal auf Ben Hur und Camera 65 zurückzukommen:

Ben Hur Rennen TVSo hab ich das Wagenrennen beim ersten Anschauen in der Glotze gesehen.

Ben Hur Rennen 2,76Und so im Kino – beinahe hätte es mich damals aus meinem Sitz katapultiert! Kein Vergleich, aber nicht mal ansatzweise, auch unabhängig von der Größe des Bildschirms bzw. der Leinwand.

Ben Hur TVTV

Ben Hur 2,76Kino

MGM Camera 65

The Revenant

Nach der Überarbeitung meiner Steampunk-Alternativwelt-Western-Story und der Deadwood-Dick-Lektüre kam mir dieser Film gerade recht, der für einigen Diskussionsstoff gesorgt hat: The Revenant – Der Rückkehrer brachte Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio den langersehnten Oscar ein, ebenso dem mexikanischen Regisseur Alejandro G. Iñárritu, außerdem den Kamera-Oscar für Emmanuel Lubezki und neun weitere Nominierungen. Bei den Golden Globes hat der Western ebenfalls abgeräumt: Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller. Und bei den British Academy Film Awards: Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, Beste Kamera, Bester Ton. Und so weiter und so fort.

Der TotgeglaubteThe Revenant basiert auf dem gleichnamigen Roman (auf Deutsch Der Totgeglaubte, erschienen bei Malik) von Michael Punke, der sich wiederum auf Überlieferungen und Legenden gestützt hat, die es über den historischen Pelztierjäger Hugh Glass gibt. Er überlebte Anfang des neunzehnten Jahrhunderts – laut mehreren Quellen – in den Rocky Mountains eine Grizzlyattacke und wurde von seinen Trapperkollegen schwerverletzt zurückgelassen. Nach sechs Wochen andauerndem Martyrium erreichte er Fort Kiowa, die nächste dauerhaft bewohnte Siedlung. Etwa zehn Jahre später starb er bei einem Kampf gegen Arikaree-Indianer. Was Wahrheit und was Mythos ist, lässt sich heute schwer feststellen – auf jeden Fall reizt mich das Buch, wie damals auch Butcher’s Crossing.

The RevenantLeonardo DiCaprio spielt diesen Hugh Glass, der im Film verwitwet ist und im Jahr 1823 nach dem Kampf mit dem Grizzly auch noch seinen Sohn verliert, den er zusammen mit seiner ermordeten Pawnee-Frau hatte. Als Glass schwerverletzt daniederliegt, tötet Trapperkollege John Fitzgerald (ausgezeichnet von Tom Hardy verkörpert) den Jungen vor den Augen seines Vaters, der nichts dagegen tun kann. Fitzgerald belügt den anderen Trapper, der bei dem Verletzten zurückgeblieben ist und lässt Glass zum Sterben liegen. Doch der Gedanke an Rache hält Hugh Glass am Leben. Mit gebrochenem Fuß kämpft er sich durch die Wildnis, erhält Hilfe von einem Pawnee-Krieger, gerät wiederholt mit den Arikaree aneinander und schafft es letztlich bis nach Fort Kiowa, wo er seine Trapperkameraden trifft, die ihn totgeglaubt haben. Unter ihnen ist auch John Fitzgerald. Bevor Glass ihn erwischt, flieht Fitzgerald in die Wildnis. Glass und der Anführer der Pelztierjäger folgen ihm durch Eis und Schnee, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen.

Allein schon für seine physische Leistung hat DiCaprio sich den Oscar redlich erarbeitet. Er schwamm im kanadischen Winter durch eiskalte, reißende Flüsse und ging während der Dreharbeiten auch sonst an seine Grenzen. Mad-Max-Darsteller Tom Hardy hätte den Oscar für die beste Nebenrolle wohl auch verdient, für ihn reichte es aber nur zur Nominierung.

Der Film ist harter, blutiger Tobak, keine Frage. Das wird schon nach ein paar Minuten klar, als Arikarees das provisorische Lager der Pelztierjäger angreifen und etwa dreißig von ihnen umbringen, bevor das überlebende Dutzend entfliehen kann. Noch realistischer kann man ein solches Gemetzel kaum darstellen. Und den Kampf gegen den Grizzly muss man gesehen haben – anschaulich beschreiben kann man das gar nicht. Mit zweieinhalb Stunden ist The Revenant vielleicht etwas zu lang geraten, aber keineswegs langatmig. Unterm Strich ein intensives, beeindruckendes und nachwirkendes Filmerlebnis, für das man allerdings gewappnet sein sollte.

Ich glaub, als Kontrastprogramm muss ich mir mal wieder Der mit dem Wolf tanzt anschauen, der zwar auch um Authentizität bemüht ist, aber weniger durch harten Realismus beeindruckt, sondern vielmehr durch die epische Erzählweise. Zurzeit läuft der Soundtrack von John Barry als Hintergrundberieselung fürs Schreiben bei mir eh rauf und runter.