Archiv der Kategorie: Live-Story

Halloween-Story „Made im Fleisch“

Livestory2013Halloween, All Hallows’ Eve: Der Abend bzw. die Nacht vor Allerheiligen hat für Horrorfans eine besondere Bedeutung – spätestens seit John Carpenters gleichnamigem Film. Wer sich auf den Abend mit einer Horrorstory einstimmen möchte, kann dies hier tun:

Made im Fleisch

… ist eine Kurzgeschichte, die hier im Blog sozusagen live in neun Etappen entstanden ist, nachzulesen in der Rubrik Live-Story.

Live-Story (9)

„Dank“ einer schlaflosen zweiten Nachthälfte hab ich meine Halloween-Geschichte heute Morgen beendet. Den Rest hab ich kürzer gestaltet als ursprünglich geplant, insgesamt sind es jetzt etwas mehr als 25 Standardseiten bzw. ca. 37.000 Zeichen geworden.

Hier also der Schluss der Story – weiter vorn hab ich den Abschnitt leicht verändert, in dem Frank gefunden wird, also setze ich mal da an:

Livestory2013

Er schaltete das Fernlicht ein und erfasste auf der übernächsten Kreuzung eine Gruppe Maskierter, die mit Knüppeln auf jemanden einschlugen, der am Boden lag.

»Nicht da lang!«, flehte Hannah.

»Nein, wir biegen vorher ab.«

»Und wenn sie ihn totschlagen?«, fragte Dennis.

»Das werden sie nicht.« Herr Brenner klang nicht überzeugend, auch wenn er sich darum bemühte. »Außerdem ist überall Polizei unterwegs, ihr habt die Sirenen doch gehört.« Mit einem Seitenblick raunte er Dennis zu: »Jag deiner Schwester bitte nicht noch mehr Angst ein!«

»Ich sag ja schon gar nichts mehr.«

»So hab ich es nicht gemeint. Was war denn nur mit Frank los?«

»Er hat sich andauernd gekratzt und war auch sonst ganz komisch. Den Blumentopf hat er einfach so vor Helmuts Füße gepfeffert, ohne Grund.«

Herr Brenner musste auf die Gegenfahrbahn ausweichen, weil zwei umgestoßene Abfalltonnen den Weg versperrten. Die schwarzen Müllbeutel lagen überall verstreut und zwangen ihn, sich im Slalom der Kreuzung zu nähern. Als die Schlägertypen eine Kreuzung weiter von ihrem Opfer abließen und sich nach dem Auto umdrehten, erhöhte er das Tempo und bog nach rechts ab.

Wenige Meter nach der Kurve stieg er hart in die Eisen. Drei Wagenlängen weiter vorn lag jemand halb auf dem Gehsteig, halb auf der Straße.

»Das ist Frank!«, rief Dennis aus.

»Ihr bleibt sitzen!« Herr Brenner ließ den Motor laufen, als er aus dem Auto stieg. Mit langen Schritten näherte er sich seinem Ältesten.

Dennis und Hannah lösten ihre Sicherheitsgurte, um besser sehen zu können. Ihr Vater packte Frank unter den Achseln und schleifte ihn zum Fahrzeug. Keuchend und einen Fluch unterdrückend hievte er ihn in den Fond des Wagens.

»Was ist mit ihm?«, fragte Dennis und schaute über die Kopfstütze nach hinten.

»Er kommt nicht zu sich, scheint aber nicht verletzt zu sein.« Herr Brenner warf Dennis einen prüfenden Blick zu. »Sei ehrlich: Hat Frank unterwegs Alkohol getrunken? Oder was anderes genommen?«

Dennis schüttelte entschieden den Kopf.

»Na gut, ich glaub dir.« Herr Brenner atmete tief durch.

»Papa!«, warnte Hannah und deutete auf die maskierten Schläger, die mit erhobenen Zaunlatten immer näher kamen.

Herr Brenner nickte. »Ich hab sie gesehen, wir verschwinden von hier. Bringen wir Frank nach Hause. Wenn wir ihn dort nicht wachkriegen, ruf ich den Notarzt.«

Livestory2013

Frau Brenners Augen quollen beinahe aus den Höhlen, als ihr Mann im Schweiße seines Angesichts den besinnungslosen Frank auf die Wohnzimmercouch beförderte. Er erzählte ihr mit wenigen Sätzen, was vorgefallen war, während er das Telefon zur Hand nahm und wählte.

»Scheiße, alle Leitungen in der Notrufzentrale besetzt.«

Frau Brenner vergaß, ihren Mann wegen des Kraftausdrucks zu ermahnen und sagte: »Wenn da draußen tatsächlich das Chaos ausgebrochen ist, wundert mich das nicht.«

»Iiiiiiiiihh!«

Hannahs Aufschrei ging allen durch Mark und Bein. Sie lenkte die Blicke auf Frank – vor allem auf sein rechtes Ohr, aus dem jetzt die orangefarbene Made herausschaute, die am Vormittag dem Kürbis entschlüpft war. Seitdem schien sie gewachsen zu sein. Flink schlängelte sich das Biest aus dem Gehörgang heraus und zog auf der Couchlehne eine schleimige Spur hinter sich her. Sie war mittlerweile gut und gern acht Zentimeter lang.

»Macht sie kaputt!«, schrillte Hannahs Stimme durchs Wohnzimmer. »Macht sie kaputt!«

Herr Brenner wollte mit dem Telefon zuschlagen, besann sich aber dann eines Besseren. Im nächsten Moment plumpste die Made auf den Teppich und kroch unter die Couch.

Dennis konnte sich nicht bewegen. Vor seinem geistigen Auge schlüpfte das Madenvieh noch einmal aus Franks Ohr. Diesmal hatte es dunkle, verschlagene Augen und ein kleines Maul, das es zu einem breiten Grinsen verzog. Mit einer großen Kraftanstrengung schüttelte Dennis sich den Ekel aus den Gliedern, das Trugbild verschwand. Er fragte sich, ob sein Bruder überhaupt noch lebte. So groß, wie das Biest inzwischen war, musste es Übles in Franks Kopf angerichtet haben. Ein mattes Stöhnen von der Couch ließ Dennis aufatmen.

Herr Brenner ging auf die Knie und spähte unter die Couch, konnte aber die Kürbismade nirgends entdecken. »Holt mir mal jemand eine Taschenlam…«

»Da vorn ist sie!«, rief Frau Brenner und deutete zur Tür.

Das Biest kringelte sich gerade hinaus auf den Korridor und aus dem Blickfeld. Dabei legte es ein Tempo vor wie eine Schlange auf Beutezug.

Dennis stand der Tür am nächsten und folgte der Kürbismade, ohne groß darüber nachzudenken. Das Biest war schon fast an der Haustür, wo es sich lang streckte und dadurch dünner wurde. Unglaublich dünn. Es quetschte sich unter dem Türspalt hindurch, blieb dabei stecken, wand sich hin und her und schlüpfte schließlich ins Freie.

»Das gibt’s doch nicht!«, entfuhr es Herrn Brenner, der hinter Dennis getreten war und es ungläubig mitangesehen hatte. »Was ist das nur für ein Ding?«

Er schritt eilig zur Haustür und riss sie mit einem Ruck auf.

Dennis’ »Nicht!« kam zu spät. Durch die weit geöffnete Tür blickte er an seinem Vater vorbei und entdeckte das orangefarbene Knäuel, das sich in der Garageneinfahrt seltsam pusierend hin und her bewegte, als würde es ungeduldig auf etwas warten. Es veränderte ständig seine Form, doch es war unschwer erkennbar, dass es sich dabei ebenfalls um eine Kürbismade handelte – nur war dieses Exemplar um ein Vielfaches größer. Die Monstrosität dehnte sich, wurde immer länger und schlanker und kroch der kleinen Made entgegen, die ihren großen, inzwischen etwa oberschenkeldicken Bruder beinahe erreicht hatte.

Erst jetzt erkanntes Dennis, was er dort vor sich hatte: Die Riesenmade bestand aus hunderten, vielleicht tausenden kleiner Exemplare, die wie ein glitschiger Fischschwarm alle die gleichen Bewegungen vollführten, als ob sie von einem Zentralgehirn gesteuert werden würden; zusammengehalten von einem gallertartigen Schleim, den auch die kleine Made im Wohnzimmer abgesondert hatte. Das Schwarmgeschöpf nahm Franks Made in sich auf, rollte sich um die eigene Achse und glitt über die Einfahrt auf den Gehsteig. Im Licht der Straßenlaterne leuchtete der seltsame, zwei Meter lange Lindwurm in einem grellen Orange, als würde er von innen heraus glühen. Wenige Augenblicke später war er hinter der Grundstücksmauer verschwunden.

Nur die Polizeisirenen in der Ferne übertönten die Stille, die sich über den Straßenzug gelegt hatte.

Dennis verspürte den Drang, aufs Klo zu müssen, hielt es aber gerade noch zurück.

»Has… hast du das gesehen?«, fragte sein Vater.

Er nickte stumm. Sprachlosigkeit war ansonsten nicht sein Problem, aber hierzu fiel ihm nichts mehr ein.

Ein schrilles Kreischen aus dem Haus sorgte dafür, dass beide die Köpfe drehten. Es war unverkennbar Hannah gewesen. Herr Brenner reagierte als Erster und rannte hinein, Dennis folgte ihm.

Im Wohnzimmer standen Frau Brenner und Hannah vor der Couch und starrten auf Frank, der wie im Fieberwahn stöhnte. Aus seinem Ohr schlüpfte eine weitere Made und glitt auf die Polsterlehne. Mit einem Aufschrei packte Frau Brenner ihre Tochter und zog sie von der Couch weg. Die Kürbismade schlängelte sich hinterher.

Herr Brenner wollte sie zertreten, doch sie wand sich blitzschnell aus der Gefahrenzone, als hätte sie überall Augen, die ihr einen Rundumblick ermöglichten. Er stöhnte, als er hart mit dem Fuß auf den Boden stampfte. Mit einem gepressten »Scheiße!« auf den Lippen griff er sich an den Knöchel und humpelte zum Tisch, um sich dort abzustützen.

Er warf Dennis einen flehenden Blick zu, und der verstand. Aber er wollte nicht den gleichen Fehler begehen wie sein Vater.

»Bin gleich wieder da!« Dennis machte auf dem Absatz kehrt.

Während seine Mutter und Hannah vor der Kürbismade bis zur Schrankwand zurückwichen, eilte er ins Bad und schnappte sich die Haarspraydose seiner Mutter. Im Korridor zog er hastig die Garderobenschublade auf und fingerte das Stabfeuerzeug heraus, mit dem seine Mutter immer die Friedhofskerzen anzündete. Dann hetzte er ins Wohnzimmer zurück.

Dort blickte er in die schreckensgeweiteten Augen seiner Mutter und seiner Schwester. Sie lehnten am Schrank, weiter zurück ging es für sie nicht mehr. Die fingerlange Made verharrte zwischen ihnen und der Couch und schnitt ihnen den Fluchtweg zum Flur ab.

»Mach schnell!«, rief Herr Brenner, der sofort erkannte, was sein Sohn vorhatte.

Eigentlich wollte Dennis sich mit dem Kriegsschrei »Grillfest!« auf das Biest stürzen wie kürzlich, als er mit seinen Freunden ein paar Spielzeugpanzer abgefackelt hatte, doch es kam ihm nicht über die Lippen. Mit zitternden Händen näherte er sich der Made und fürchtete, der Wackelpudding in seinen Knien würde ihn zu Boden sinken lassen, bevor er in Schussweite kam. Als er die Spraydose in Position brachte, entglitt ihm das Gasfeuerzeug aus der Linken.

»Scheiße!«, entfuhr es seiner Mutter. »Gottverdammte Hühnerkacke! Verbrenn dem Scheißvieh den Pelz!«

Selbst die Kürbismade wirkte durch den kleinen Vulkanausbruch irritiert. Herr Brenner starrte seine Frau ungläubig an. Dennis schüttelte die Verblüffung schneller ab und ließ sich auf die Knie fallen. Er schnappte sich das Feuerzeug, zippte die Flamme heraus und hielt die Spraydose dahinter. Kurz gezielt und abgedrückt. Eine Stichflamme schoss über den Teppich und erwischte die Made am Schwanzende. Das Biest kringelte sich ein, rollte sich zuckend um die eigene Achse und schlängelte im nächsten Augenblick davon.

»Hast du das Ding erwischt?«, fragte Herr Brenner.

Der Geruch von verbranntem Fleisch verriet Dennis, dass er getroffen hatte. Der Hinterleib der Kürbismade hatte sich dunkel verfärbt, aber sie lebte noch und kroch unter die Couch.

Plötzlich ertönte ein Knirschen und Knarzen von der Terrassentür. Dennis drehte erschrocken den Kopf und traute seinen Augen nicht: Die Schwarmmade saugte sich gerade außen am der Türscheibe fest und schien sie eindrücken zu wollen. Als das nicht gelang, schwang der Kopfteil des Schwarmwesens zurück und hämmerte wuchtig gegen das Glas, das sofort spinnennetzartige Risse zeigte.

»Vorsicht!«, warnte Herr Brenner, doch da zersplitterte die Scheibe bereits unter dem zweiten Hieb, und die Riesenmade quoll durch das entstandene Loch ins Wohnzimmer.

Dennis schüttelte sich die Splitter aus den Haaren und veränderte seine Position, so dass er einen Flammenstoß auf das Schwarmgeschöpf abfeuern konnte. Er erreichte es nicht ganz, verhinderte aber zumindest, dass es sich ihm weiter näherte.

Die kleine Made schaute unter der Couch hervor und kroch auf den Schwarm zu. Durch die Verletzung war sie jedoch erheblich langsamer als zuvor.

Dennis durchfuhr ein Geistesblitz. Er richtete seinen Flammenwerfer auf die kleine Made, ohne den Sprühknopf zu drücken.

Der Schädel des Madenschwarms zuckte nach vorn, verharrte jedoch in sicherer Entfernung, um nicht selbst gegrillt zu werden. Vor dem Feuer schien er großen Respekt zu haben. Und er schien zu verstehen, was Dennis vorhatte. Mit hin und her pendelnden Bewegungen wartete die Riesenmade ab, während das kleine Exemplar seinen Weg mühsam fortsetzte.

»Gut so«, raunte Herr Brenner seinem Sohn zu.

Dennis folgte der kleinen Made mit der Spraydose; jederzeit bereit, dem Biest den Rest zu geben. Als die Flamme am Feuerzeug erlosch, entfachte er sie sofort wieder. So hielt er das Schwarmwesen in Schach, das abwartete, bis es die kleine Made endlich in seinen Körper einverleiben konnte.

Dennis zitterte am ganzen Leib, wich aber keinen Zentimeter zurück. Mit angehaltenem Atem schielte er zum Schwarmschädel hinüber, in dem er so etwas wie Augen zu erkennen glaubte, die ihn fixierten.

Dann wurde die kleine Made in den Schleim gesaugt, der das Schwarmgeschöpf zusammenhielt. Die Riesenmade zog sich zur Terrassentür zurück und glitt durch das Loch in der Scheibe nach draußen. Dass sie sich dabei in den eigenen Leib schnitt, schien sie nicht weiter zu bekümmern.

Kurz darauf war der Spuk vorüber.

Dennis starrte auf den Schleim, der auf dem Teppich und an der Scheibe zurückgeblieben war. Hannahs Schluchzer ließen ihn herumfahren.

Frau Brenner hatte ihre Tochter in den Arm genommen, ihre Augen schimmerten feucht. Ein angespanntes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie Dennis zunickte.

»Und jetzt«, sagte Herr Brenner mit sorgenvollem Blick auf Frank, »ruf ich endlich den Notarzt.«

Livestory2013

Auf den Hügeln über Hormsthal stand ein klapperiger Lieferwagen im Schatten einer großen Eiche. Das Mondlicht erhellte nur die offene Ladeklappe am Heck und den Hang, der sich vom Stadtrand heraufzog und neben Fliederbüschen und Johannisbeersträuchern zwei einsame, verkrüppelte Birken beherbergte. Auf die Seitenwände des Kleinlasters hatte ein begnadeter Künstler Salat, Gemüse und Kürbisse gemalt. Den Namen des fahrenden Händlers, der darunter zu lesen war, würde man in keinem Branchenverzeichnis finden. Adresse und Telefonnummer existierten nicht wirklich.

Der Händler, dessen Alter schwer zu bestimmen war, saß hinterm Steuer und wartete auf den Wurm. In den letzten Tagen hatte er dessen Setzlinge auf dem Hormsthaler Markt unter die Stadtbewohner gesät. Man musste nur den Preis entsprechend niedrig wählen, schon wurde einem die Ware aus den Händen gerissen. Das wusste er von anderen Märkten, von den vielen Kleinstadtmärkten in so vielen Ländern, die er jeweils gegen Ende des Monats Oktober heimgesucht hatte.

O ja, eine Heimsuchung war es sehr wohl, nur merkten es die Marktbesucher erst, wenn es zu spät war. Die Samhainfrucht spross und gedieh im Fleisch der Kürbisse, zu wahrer Größe heranwachsen und sich teilen konnte sie jedoch nur im menschlichen Gehirn. Dort nährte sie sich von bösen Gedanken, während sie die Wirtskörper allmählich unter Kontrolle brachte und letztlich irreparabel schädigte.

Im Lauf der Jahre war der Wurm gewachsen, doch es würde noch einige Zeit dauern, bis die Aufgabe des fahrenden Händlers beendet war. Bis der Schwarm endlich seine alte Größe wieder erreicht hatte; jene stattliche Größe, die er gehabt hatte, bevor dieser Jack Oldfield mit Feuer und Schwert die Madenbrut dezimiert und fast vernichtet hatte.

Die Kirchturmglocke schlug Mitternacht. Halloween war vorüber. Für dieses Jahr.

Der Händler blickte den Hang hinunter und erwartete den Wurm.

© Christian Weis

Livestory2013

So, damit wäre die Erstfassung der Story also abgeschlossen.

Fertig ist die Geschichte natürlich noch lange nicht. Jetzt bleibt sie erstmal in der (virtuellen) Schublade liegen, auf jeden Fall ein paar Wochen lang, bevor ich mich dann – mit möglichst viel zeitlichem und gedanklichem Abstand – an die Überarbeitung mache. Einen Titel hab ich noch nicht. „Süßes und Saures“ bzw. „Süßsauer“ ist, wie schon erwähnt, nicht das Gelbe vom Ei. „Kürbismade“ wäre eine weitere Option.

Live-Story (8)

In der Regel schreibe ich meine Geschichten chronologisch nieder, gelegentlich ziehe ich aber auch mal eine Szene vor, die an sich erst später kommt. Bei meiner Halloween-Story bin ich heute irgendwie hängengeblieben, weil mir klar wurde, dass das, was mir vorschwebt, wohl noch 10 bis 15 Seiten benötigt. An sich soll das Ganze aber eine Kurzgeschichte werden, keine Novelle. Also hab ich erst mal einen Entwurf der Schlussszene geschrieben und muss mir überlegen, ob ich mit dem letzten Drittel der Story wie geplant weitermache oder ob es auch kürzer geht.

Dieser Schluss zeigt, welche Idee hinter der Story steckt: eine ganz eigene Neuinterpretation der Halloweensage um Jack Oldfield bzw. Jack O’Lantern.

Livestory2013

Auf den Hügeln über Hormsthal stand ein klapperiger Lieferwagen im Schatten einer großen Eiche. Das Mondlicht erhellte nur die offene Ladeklappe am Heck und den Hang, der sich vom Stadtrand heraufzog und neben Fliederbüschen und Johannisbeersträuchern zwei einsame, verkrüppelte Birken beherbergte. Auf die Seitenwände des Kleinlasters hatte ein begnadeter Künstler Salat, Gemüse und Kürbisse gemalt. Den Namen des fahrenden Händlers, der darunter zu lesen war, würde man in keinem Branchenverzeichnis finden. Adresse und Telefonnummer existierten nicht wirklich.

Der Händler, dessen Alter schwer zu bestimmen war, saß hinterm Steuer und wartete auf den Wurm. In den letzten Tagen hatte er dessen Setzlinge auf dem Hormsthaler Markt unter die Stadtbewohner gesät. Man musste nur den Preis entsprechend niedrig wählen, schon wurde einem die Ware aus den Händen gerissen. Das wusste er von anderen Märkten, von den vielen Kleinstadtmärkten in so vielen Ländern, die er jeweils gegen Ende des Monats Oktober heimgesucht hatte.

O ja, eine Heimsuchung war es sehr wohl, nur merkten es die Marktbesucher erst, wenn es zu spät war. Die Samhainfrucht spross und gedieh im Fleisch der Kürbisse, zu wahrer Größe heranwachsen und sich teilen konnte sie jedoch nur im menschlichen Gehirn. Dort nährte sie sich von bösen Gedanken, während sie die Wirtskörper allmählich unter Kontrolle brachte und letztlich irreparabel schädigte.

Im Lauf der Jahre war der Wurm gewachsen, und wenn er endlich seine alte Größe wieder erreicht hatte, dann war die Aufgabe des Händlers beendet; jene stattliche Größe, die er gehabt hatte, bevor dieser Jack Oldfield mit Feuer und Schwert den Großteil des Schwarms vernichtet hatte.

Der Kirchturm schlug Mitternacht. Halloween war vorüber. Der Händler blickte den Hang hinunter und erwartete den Wurm.

© Christian Weis

Livestory2013

Grundsätzlich stellt sich die Frage: Wie lang darf eine Kurzgeschichte sein, wo ist die Grenze zwischen Kurzgeschichte und Novelle?

Im deutschsprachigen Raum lässt sich die Frage gar nicht so leicht beantworten, weil es keine offizielle Längeneinteilung gibt wie etwa im angloamerikanischen Sprachraum. Dort gibt es bei Genre-Literaturpreisen oftmals vier Kategorien: Kurzgeschichte (Short Story), Novelle (Novelette), Kurzroman (Novela) und Roman (Novel). Um die einzelnen Sparten voneinander abzugrenzen, wurden Maximallängen definiert: Die Kurzgeschichte darf bis zu 7.500 Wörter lang sein, die Novelle bis zu 17.500 Wörter, der Kurzroman bis zu 40.000 Wörter, alles darüber hinaus rangiert in der Kategorie Roman (dies gilt z.B. für den Hugo Award und den Nebula Award in der SF, beim Bram Stoker Award sind die Kategorien Novelette und Novela zu Long Fiction zusammengefasst).

Hierzulande wird die Textlänge in aller Regel nicht nach Wörtern bemessen, sondern nach Zeichen inklusive Leerzeichen (beides lässt sich in Word mit wenigen Klicks und der Funktion „Wörter zählen“ ermitteln). Allerdings gibt es keine Grenzlinie zwischen den einzelnen Kategorien, der kleinste gemeinsame Nenner für die Kurzgeschichte ist wohl die Feststellung, dass der Text in einem Rutsch gelesen werden kann. Aber das ist natürlich eine sehr grobe Einteilung. Beim Kurd-Laßwitz-Preis (also dem deutschsprachigen SF-Preis, bei dem professionell und semiprofessionell im Bereich der Science Fiction Tätige abstimmen dürfen) hat man die Grenzlinie laut Statuten bei 100 Seiten gezogen: Alles bis 100 Seiten wird der Kategorie Kurzgeschichte zugeordnet, alles über 100 Seiten gilt als Roman. Früher gab es auch eine Zwischenform (Novelle und Kurzroman wurden als Erzählung bezeichnet), aber da immer weniger Erzählungen dieser Länge publiziert wurden, hat man Erzählung und Kurzgeschichte kurzerhand in einer Kategorie zusammengefasst. Die Seitenangabe ist aber auch relativ vage, denn eine Seite kann man mit mehr oder weniger Text füllen … Ich nehme an, dass hiermit sogenannte Standardseiten gemeint sind, die 30 Zeilen à 60 Zeichen beinhalten – maximal also 1.800 Zeichen inklusive Leerzeichen, die allerdings nie erreicht werden, denn nicht jede Zeile wird bis zum Ende gefüllt. Je mehr Absätze sich auf einer Seite finden, desto weniger Zeichen beinhaltet sie. Dialoglastige Texte haben weniger Zeichen pro Seite, Fachtexte mit vielen langen Fachbegriffen deutlich mehr. Ich hab mal aus mehreren Storys von mir einen Durchschnitt von 1.500 Zeichen inklusive Leerzeichen (oder 235 Wörtern) pro Standardseite errechnet. Für die angloamerikanischen Kategorien bedeutet dies in etwa:

Kurzgeschichte: bis 30 Standardseiten oder 45.000 Zeichen
Novelle: 31 bis 75 Standardseiten oder 45.001 bis 112.500 Zeichen
Kurzroman: 76 bis 170 Standardseiten oder 112.501 bis 255.000 Zeichen
Roman: ab 171 Standardseiten oder 255.001 Zeichen

Wie gesagt, dass ist nur eine ungefähre Übertragung der angloamerikanischen Kategoriegrenzen in die Maße, die hierzulande üblich sind, keine offiziell gültige Einteilung. Aber auf meine Halloween-Geschichte bezogen bedeutet es: Über 30 Seiten möchte ich keinesfalls hinauskommen. Also überlege ich mir, wie ich den Schluss gestalte, um dieses Ziel zu erreichen (und nach Möglichkeit deutlich unter 45.000 Zeichen zu bleiben).

Live-Story (7)

Dank Fronleichnam – in Bayern ein Feiertag – bin ich heute Vormittag ein gutes Stück vorangekommen.

Livestory2013

»Das ist Frank!«, rief Dennis aus.

»Ihr bleibt sitzen!« Herr Brenner ließ den Motor laufen, als er aus dem Auto stieg. Mit langen Schritten näherte er sich seinem Ältesten.

Dennis und Hannah lösten ihre Sicherheitsgurte, um besser sehen zu können. Ihr Vater packte Frank unter den Achseln und schleifte ihn zum Fahrzeug. Keuchend und einen Fluch unterdrückend hievte er ihn in den Fond des Wagens.

»Was ist mit ihm?«, fragte Dennis und schaute über die Kopfstütze nach hinten.

»Er kommt nicht zu sich, scheint aber nicht verletzt zu sein.« Herr Brenner warf Dennis einen prüfenden Blick zu. »Sei ehrlich: Hat Frank unterwegs Alkohol getrunken? Oder was anderes genommen?«

Dennis schüttelte entschieden den Kopf.

»Na gut.« Herr Brenner atmete tief durch. »Bringen wir ihn nach Hause. Wenn wir ihn dort nicht wachkriegen, ruf ich den Notarzt.«

Livestory2013

Frau Brenners Augen quollen beinahe aus den Höhlen, als ihr Mann im Schweiße seines Angesichts den besinnungslosen Frank auf die Wohnzimmercouch beförderte. Er erzählte ihr mit wenigen Sätzen, was vorgefallen war, während er das Telefon zur Hand nahm und wählte.

»Scheiße, alle Leitungen in der Notrufzentrale besetzt.«

Frau Brenner vergaß, ihren Mann wegen des Kraftausdrucks zu ermahnen und sagte: »Wenn da draußen tatsächlich das Chaos ausgebrochen ist, wundert mich das nicht.«

»Iiiiiiiiihh!«

Hannahs Aufschrei ging allen durch Mark und Bein. Sie lenkte die Blicke auf Frank – vor allem auf sein rechtes Ohr, aus dem jetzt die orangefarbene Made herausschaute, die am Vormittag dem Kürbis entschlüpft war. Seitdem schien sie gewachsen zu sein. Flink schlängelte sich das Biest aus dem Gehörgang heraus und zog auf der Couchlehne eine schleimige Spur hinter sich her. Sie war mittlerweile gut und gern acht Zentimeter lang.

»Macht sie kaputt!«, schrillte Hannahs Stimme durchs Wohnzimmer. »Macht sie kaputt!«

Herr Brenner wollte mit dem Telefon zuschlagen, besann sich aber dann eines Besseren. Im nächsten Moment plumpste die Made auf den Teppich und kroch unter die Couch.

Dennis konnte sich nicht bewegen. Vor seinem geistigen Auge schlüpfte das Madenvieh noch einmal aus Franks Ohr. Diesmal hatte es dunkle, verschlagene Augen und ein kleines Maul, das es zu einem breiten Grinsen verzog. Mit einer großen Kraftanstrengung schüttelte Dennis sich den Ekel aus den Gliedern, das Trugbild verschwand. Er fragte sich, ob sein Bruder überhaupt noch lebte. So groß, wie das Biest inzwischen war, musste es Übles in Franks Kopf angerichtet haben. Ein mattes Stöhnen von der Couch ließ Dennis aufatmen.

Herr Brenner ging auf die Knie und spähte unter die Couch, konnte aber die Kürbismade nirgends entdecken. »Holt mir mal jemand eine Taschenlam…«

»Da vorn ist sie!«, rief Frau Brenner und deutete zur Tür.

Das Biest kringelte sich gerade hinaus auf den Korridor und aus dem Blickfeld. Dabei legte es ein Tempo vor wie eine Schlange auf Beutezug.

Dennis stand der Tür am nächsten und folgte der Kürbismade, ohne groß darüber nachzudenken. Das Biest war schon fast an der Haustür, wo es sich lang streckte und dadurch dünner wurde. Unglaublich dünn. Es quetschte sich unter dem Türspalt hindurch, blieb dabei stecken, wand sich hin und her und schlüpfte schließlich ins Freie.

»Das gibt’s doch nicht!«, entfuhr es Herrn Brenner, der hinter Dennis getreten war und es ungläubig mitangesehen hatte. »Was ist das nur für ein Ding?«

Er schritt eilig zur Haustür und riss sie mit einem Ruck auf.

Dennis’ »Nicht!« kam zu spät. Durch die weit geöffnete Tür blickte er an seinem Vater vorbei und entdeckte das orangefarbene Knäuel, das sich in der Garageneinfahrt seltsam pusierend hin und her bewegte, als würde es ungeduldig auf etwas warten. Es veränderte ständig seine Form, doch es war unschwer erkennbar, dass es sich dabei ebenfalls um eine Kürbismade handelte – nur war dieses Exemplar um ein Vielfaches größer. Die Monstrosität dehnte sich, wurde immer länger und schlanker und kroch der kleinen Made entgegen, die ihren großen, inzwischen etwa oberschenkeldicken Bruder beinahe erreicht hatte.

Erst jetzt erkanntes Dennis, was er dort vor sich hatte: Die Riesenmade bestand aus hunderten, vielleicht tausenden kleiner Exemplare, die wie ein glitschiger Fischschwarm alle die gleichen Bewegungen vollführten, als ob sie von einem Zentralgehirn gesteuert werden würden; zusammengehalten von einem gallertartigen Schleim, den auch die kleine Made im Wohnzimmer abgesondert hatte. Das Schwarmgeschöpf nahm Franks Made in sich auf, rollte sich um die eigene Achse und glitt über die Einfahrt auf den Gehsteig. Im Licht der Straßenlaterne leuchtete der seltsame, zwei Meter lange Lindwurm in einem grellen Orange, als würde er von innen heraus glühen. Wenige Augenblicke später war er hinter der Grundstücksmauer verschwunden.

Nur die Polizeisirenen in der Ferne übertönten die Stille, die sich über den Straßenzug gelegt hatte.

Dennis verspürte den Drang, aufs Klo zu müssen, hielt es aber gerade noch zurück.

»Has… hast du das gesehen?«, fragte sein Vater.

Er nickte stumm. Sprachlosigkeit war ansonsten nicht sein Problem, aber hierzu fiel ihm nichts mehr ein.

Ein schrilles Kreischen aus dem Haus sorgte dafür, dass beide die Köpfe drehten. Es war unverkennbar Hannah gewesen. Herr Brenner reagierte als Erster und rannte hinein, Dennis folgte ihm.

Im Wohnzimmer standen Frau Brenner und Hannah vor der Couch und starrten auf Frank, der wie im Fieberwahn stöhnte. Aus seinem Ohr schlüpfte eine weitere Made und glitt auf die Polsterlehne. Mit einem Aufschrei packte Frau Brenner ihre Tochter und zog sie von der Couch weg. Die Kürbismade schlängelte sich hinterher.

Herr Brenner wollte sie zertreten, doch sie wand sich blitzschnell aus der Gefahrenzone, als hätte sie überall Augen, die ihr einen Rundumblick ermöglichten. Er stöhnte, als er hart mit dem Fuß auf den Boden stampfte. Mit einem gepressten »Scheiße!« auf den Lippen griff er sich an den Knöchel und humpelte zum Tisch, um sich dort abzustützen.

Er warf Dennis einen flehenden Blick zu, und der verstand. Aber er wollte nicht den gleichen Fehler begehen wie sein Vater.

»Bin gleich wieder da!« Dennis machte auf dem Absatz kehrt.

Während seine Mutter und Hannah vor der Kürbismade bis zur Schrankwand zurückwichen, eilte er ins Bad und schnappte sich die Haarspraydose seiner Mutter. Im Korridor zog er hastig die Garderobenschublade auf und fingerte das Stabfeuerzeug heraus, mit dem seine Mutter immer die Friedhofskerzen anzündete. Dann hetzte er ins Wohnzimmer zurück.

Dort blickte er in die schreckensgeweiteten Augen seiner Mutter und seiner Schwester. Sie lehnten am Schrank, weiter zurück ging es für sie nicht mehr. Die fingerlange Made verharrte zwischen ihnen und der Couch und schnitt ihnen den Fluchtweg zum Flur ab.

»Mach schnell!«, rief Herr Brenner, der sofort erkannte, was sein Sohn vorhatte.

Eigentlich wollte Dennis sich mit dem Kriegsschrei »Grillfest!« auf das Biest stürzen wie kürzlich, als er mit seinen Freunden ein paar Spielzeugpanzer abgefackelt hatte, doch es kam ihm nicht über die Lippen. Mit zitternden Händen näherte er sich der Made und fürchtete, der Wackelpudding in seinen Knien würde ihn zu Boden sinken lassen, bevor er in Schussweite kam. Als er die Spraydose in Position brachte, entglitt ihm das Gasfeuerzeug aus der Linken.

»Scheiße!«, entfuhr es seiner Mutter. »Gottverdammte Hühnerkacke! Verbrenn dem Scheißvieh den Pelz!«

Selbst die Kürbismade wirkte durch den kleinen Vulkanausbruch irritiert. Herr Brenner starrte seine Frau ungläubig an.

© Christian Weis

Livestory2013

Mittlerweile sind es knapp 22 Standardseiten oder 31.000 Zeichen, und ich muss langsam aufpassen, dass ich den Rahmen der Kurzgeschichte nicht sprenge. Mal sehen, ob ich den groben Plan, den ich im Kopf habe, so weiterverfolge oder etwas abändere.

Live-Story (6)

Gestern hab ich einen Tag ausgesetzt, dafür sind heute Abend wieder zweieinhalb Seiten bei meiner Halloween-Story dazugekommen:

Livestory2013

Im Wohnzimmer zog Hannah ihr Kostüm über den Kopf, Dennis half ihr dabei. Sie setzte sich auf die Couch und rieb sich die feuchten Augen. Im Fernsehen lief gerade die Sportschau.

»Ich ruf besser eure Eltern an«, sagte Helmut, »damit sie sich keine Sorgen machen.« Mit einem besorgten Seitenblick auf Magda ging er nach nebenan.

Dennis schüttelte unentwegt den Kopf. »Die spinnen alle.«

»Das kommt nur von den Amis!«, schimpfte Magda. »Wir müssen ja alles von denen übernehmen, auch dieses Heidenfest.«

»Halloween kommt nicht von den Amis«, widersprach Dennis, »es stammt aus Irland, und dort sind alle katholisch, sagt Mama.«

»Unsinn!«, entgegnete Magda. »Der ganze Schund kommt über den großen Teich. McDonald’s und der Popcorndreck im Kino – alles made in USA!« Sie sprach made fast wie die Made aus.

Dennis wurde unwillkürlich an das orangefarbene Ungeziefer erinnert, das aus dem Kürbis gekrochen und Frank quasi auf den Schoß gehüpft war. Er runzelte die Stirn.

Helmut unterbrach seinen Gedankengang, als er zurückkehrte. »Euer Vater holt euch gleich mit dem Auto ab.«

Livestory2013

Wenige Minuten später hielt ein Wagen vor dem Grundstück. Dennis und Hannah sprangen von der Couch auf und rannten hinaus auf den Korridor. Helmut überholte sie und spähte durch den Glaseinsatz in der Haustür nach draußen.

»Es ist euer Vater.« Er öffnete die Tür.

Herr Brenner stieg aus dem Auto und blickte sich nach allen Seiten um, während er das Grundstück betrat.

»Papa!« Hannah rannte ihm entgegen und sprang an ihm hoch.

»Hier, das habt ihr vergessen«, sagte Magda und reichte Dennis das Gespensterkostüm mit spitzen Fingern.

Herr Brenner kam mit Hannah zur Haustür und betrachtete den Schlamassel am Boden. »Den Schaden ersetze ich euch natürlich.«

»Das regeln wir ein andermal«, entgegnete Helmut. »Seht jetzt besser zu, dass ihr heimkommt. Wie es scheint, sind noch mehr Durchgeknallte auf der Straße unterwegs.«

»Frank ist doch nicht durchgeknallt«, widersprach Herr Brenner, »er ist nur …«

Helmut winkte ab. »Schon gut! Wir waren alle mal in dem Alter.«

»Okay.« Herr Brenner nickte erst Helmut, dann Magda zu, die mit verschränkten Armen und zuckenden Nasenflügeln neben ihrem Mann stand. »Danke für alles. Helmut, wir telefonieren morgen.«

Im Auto bestand er darauf, dass die Kinder sich anschnallten, auch wenn sie nur ein paar Straßen weiter zu Hause waren. »Wo ist Frank langgegangen?«, fragte er, als das erledigt war.

Dennis saß auf dem Beifahrersitz. Er deutete in die Richtung.

»Dann fahren wir da lang«, sagte Herr Brenner, »vielleicht sehen wir ihn irgendwo.«

»Ich will nach Hause«, schluchzte Hannah im Fond des Wagens.

»Da fahren wir auch hin, Spatz. Nur eben außenrum.«

Er schaltete das Fernlicht ein und erfasste auf der übernächsten Kreuzung eine Gruppe Maskierter, die mit Stöcken auf jemanden einschlugen, der am Boden lag.

»Nicht da lang!«, flehte Hannah.

»Nein, wir biegen vorher ab.«

»Und wenn sie ihn totschlagen?«, fragte Dennis.

»Das werden sie nicht.« Herr Brenner klang nicht überzeugend, auch wenn er sich darum bemühte. »Außerdem ist überall Polizei unterwegs, ihr habt die Sirenen doch gehört.« Mit einem Seitenblick raunte er Dennis zu: »Jag deiner Schwester bitte nicht noch mehr Angst ein!«

»Ich sag ja schon gar nichts mehr.«

»So hab ich es nicht gemeint. Was war denn nur mit Frank los?«

»Er hat sich andauernd gekratzt und war auch sonst ganz komisch. Den Blumentopf hat er einfach so vor Helmuts Füße gepfeffert, ohne Grund.«

Wenige Meter nach der nächsten Kurve stieg Herr Brenner hart in die Eisen. Drei Wagenlängen weiter vorn lag jemand halb auf dem Gehsteig, halb auf der Straße.

»Das ist Frank!«, rief Dennis aus.

»Ihr bleibt sitzen!« Herr Brenner ließ den Motor laufen, als er aus dem Auto stieg. Mit langen Schritten näherte er sich seinem Ältesten.

© Christian Weis

Livestory2013

So weit also für heute. Bislang sind es knapp 17 Standardseiten, und es werden jetzt doch wohl deutlich mehr als 20. Mal sehen, für den Schluss hab ich mehrere Optionen im Kopf.

Live-Story (5)

Wozu ist ein verregneter Sonntagnachmittag gut? Zum Schreiben beispielsweise! Deshalb will ich mich hier gar nicht über das grausliche Novemberwetter im Mai (mit 7 Grad Mittagstemperatur und Überstunden leistender Heizung …) beschweren, zumal es ja für eine Halloweenstory genau die passende Stimmung geliefert hat.

Hier also die Ausbeute der letzten zweieinhalb Stunden:

Livestory2013

Frank starrte mit rotglühenden Wangen und leuchtenden Augen auf die Szene und knurrte aus tiefster Kehle. Er wirkte belustigt.

Die junge Frau rettete sich mit den Mädchen in eine Hofeinfahrt. Der Vampir stolperte über die Bordsteinkante und schlug der Länge nach hin. Das Messer verschwand zwischen den Rosenbüschen im Vorgarten.

Dennis blickte zu dem anderen Vampir, der von der Mauer gerutscht war und unschlüssig wirkte. Er war höchstens drei Jahre älter als Dennis.

»Übertreibt ihr’s nicht ’n bisschen?«, fragte Dennis und hielt vorsichtshalber Abstand.

Der Vampir schluckte hart. »Ich … äh, keine Ahnung, was in meinen Kumpel gefahren ist. Er wird immer komischer.«

»Was heißt komischer

»Ich weiß auch nicht … auf einmal hat er zu spinnen angefangen. Ich glaub, der ist übergeschnappt.« Unvermittelt drehte er sich um und rannte in Richtung Innenstadt.

Der andere Vampir wand sich stöhnend am Boden und fasste sich an den Knöchel. Seine Schminke hinterließ eine weiß-rote Spur auf dem Gehsteig.

Noch ehe Dennis sich versah, hatte Frank ihn am Handgelenk gepackt und zerrte ihn weiter zum nächsten Haus. Hannah stand starr vor Schreck mitten auf der Straße und schaute ihnen hinterher.

»Nun komm schon«, rief Frank ihr zu, »weiter geht’s!«

Hannah rührte sich nicht vom Fleck. »Ich will aber nicht weiter, ich will nach Hause.« Ihre Stimme zitterte.

»Quatsch!« Frank drehte sich um. »Wir haben doch grad erst angefangen. Jetzt wird’s erst richtig lustig!«

Das fürchtete Dennis auch, der sich von seinem Bruder losriss und den am Boden liegenden Vampir nicht aus den Augen ließ. Dieser Irre kroch doch tatsächlich zwischen die Rosenbüsche und suchte nach seinem Messer. Bestimmt war er stockbesoffen.

»Lasst uns in den Wiesenweg gehen«, schlug Dennis eilig vor, um aus der Gefahrenzone wegzukommen. »Hier wohnt eh keiner mehr, der uns Süßigkeiten gibt.«

Frank kratzte sich im Ohr. »Von mir aus.« Er nahm seine Schwester an der Hand und marschierte los. Hannah sträubte sich dagegen und wäre beinahe gestolpert, wenn Dennis sie nicht gestützt hätte. Sie konnten Franks Tempo kaum mithalten, doch Dennis war es recht, wenn sie nur schnell von hier verschwanden. Dieser Vampirblödmann war unberechenbar.

Im Wiesenweg steuerte Frank direkt auf das Haus von Helmut Lehmann zu, dem Cousin ihrer Mutter. Dort stupste er Hannah unsanft an, damit sie vor die Haustür trat. Er klingelte, wandte sich ab und bückte sich.

Während Hannah ihr Kostüm zurechtzupfte, blieb Dennis ein paar Schritte zurück und legte die Augen raus, als er sah, wie Frank einen tönernen Blumentopf hochhob.

Irgendwo in der Ferne erklang eine Polizeisirene. Vielleicht war es auch ein Krankenwagen.

Als die Tür geöffnet wurde, setzte Hannah zu ihrem Spruch an, kam jedoch nur bis zum »oder du kriegst«, weil Frank plötzlich neben sie trat und mit einem »Saures!«-Aufschrei den Blumentopf direkt vor Helmuts Füße schleuderte, wo er in tausend Teile zerbarst. Tonscherben, Blumenerde und Grünzeug ergossen sich über die Bodenfliesen im Hauseingang.

Helmut zuckte zurück, aber es war zu spät. Seine Füße und Hosenbeine bekamen eine Ladung Dreck ab. Er ruderte mit den Armen, verlor aber den Kampf mit dem Gleichgewicht. Hart knallte er mit dem Hintern auf den Marmorboden und stieß einen erstickten Schrei aus.

Frank stand breitbeinig da und grinste übers ganze Gesicht. Er wurde aus drei Augenpaaren angestarrt und schien es zu genießen.

Helmut saß im Dreck und wechselte fragende Blicke mit Dennis und Hannah, dann schaute er wieder zu Frank auf. »Also, hör mal …«

»Spinnst du jetzt komplett?«, fragte Dennis und zog Hannah von ihrem Bruder weg.

Helmuts Frau Magda erschien im Hausflur und schlug entsetzt die Hände vors Gesicht. »Um Himmels willen, was ist denn hier los?«

»Halloween!« Frank lachte und kickte eine große Tonscherbe auf den Rasen. Gutgelaunt spazierte er über den gepflasterten Vorgartenweg, als wäre nichts vorgefallen.

Als er den Gehsteig erreichte, schoss ein dunkler Wagen ohne Licht auf der Straße im Wahnsinnstempo vorbei und hätte ihn um ein Haar über den Haufen gefahren. Doch das schien ihn nicht zu bekümmern. Im Gegenteil: Er lachte und konnte sich gar nicht mehr einkriegen. Kurz darauf verschwand er hinter der Hecke.

Irgendwo in der Nachbarschaft zersplitterte Glas, und zu der Polizeisirene in der Ferne gesellte sich eine weitere ganz in der Nähe.

»Der is’ total irre!« Dennis schnappte nach Luft.

Helmut erhob sich ächzend, seine Frau half ihm auf die Beine. »Hat Frank etwas getrunken?« Fragend schaute er Dennis an, während er sich über das schmerzende Steißbein rieb.

Dennis zuckte die Achseln. »Nicht, dass ich wüsste. Frank ist nicht der einzige, der plötzlich ausflippt.«

»Ich hab es ja immer gesagt, Helmut«, ereiferte sich Magda, »dieses Heidenfest bringt nur Unheil!«

»Ach was, Magda, das hat damit doch gar nichts zu tun. An Fasching lassen die jungen Leute auch mal die Sau raus. Wir waren auch mal in dem Alter.«

Magdas Wangenmuskeln zuckten hektisch. »So waren wir nicht! Unsere Eltern hätten uns den Hintern versohlt.« Sie starrte auf den Scherbenhaufen vor ihren Füßen.

In diesem Moment fielen irgendwo in der Siedlung Schüsse.

Hannah fing an zu heulen.

Jetzt wurde auch Helmut blass. »Am besten, wir gehen erst mal rein.«

Das ließen sich Dennis und Hannah nicht zweimal sagen.

»Schuhe ausziehen!«, ordnete Magda an. »Sonst tragt ihr mir den ganzen Dreck ins Haus. He, hört ihr nicht?«

Hannah ging einfach weiter, Dennis folgte ihr.

»Lass sie«, sagte Helmut und brachte seine Frau damit zum Verstummen.

Im Wohnzimmer zog Hannah ihr Kostüm über den Kopf, Dennis half ihr dabei. Sie setzte sich auf die Couch und rieb sich die feuchten Augen. Im Fernsehen lief gerade die Sportschau.

© Christian Weis

Livestory2013

Einen Titel hab ich für die Geschichte immer noch nicht. Eingefallen ist mir bisher nur „Süßes und Saures“ oder „Süßsauer“ – Meinungen dazu?

Live-Story (4)

Beim Schreiben gehe ich meist so vor, dass ich in die Tasten tippe, was mir grad einfällt, ohne gleich am Text herumzufeilen. Wenn ich mal hängenbleibe, schaue ich in der Regel über die letzten Absätze drüber, ändere auch schon mal was und schreibe danach im Idealfall einfach weiter. Somit ist der Text natürlich erstmal eine Rohbaustelle, Feinarbeiten wie Anstreichen, Tapezieren und Vorhänge aufhängen kommen in der Regel erst später dran.

Jetzt geht es aber endlich los mit der Süßes-oder-Saures-Tour. Hier ist mein Sonntagsvormittagspensum:

Livestory2013

»Frank Brenner!«, schimpfte seine Mutter. »Gewöhn dir endlich diese Kraftausdrücke ab. Denkst du, die Mädchen stehen drauf?«

Frank rieb über seinen Hals, weil es jetzt, da er die Rötung gesehen hatte, natürlich noch mehr juckte. »Die Mädels kleiden sich heutzutage im Schlampenlook. Denen macht das nix aus, glaub mir, Frau Brenner.« Er schulterte seinen Rucksack, der für die Halloweenausbeute vorgesehen war.

»Mach mal halblang«, riet sein Vater, der gerade vom ersten Stock herunterkam. »Übertreib es nicht, okay? Das gilt auch für dich, Dennis.«

Dennis protestierte erst mit stummen Blicken, dann verbal: »Ich hab doch gar nichts gesagt!«

»Aber du wolltest«, entgegnete Herr Brenner, »ich seh es dir an der Nasenspitze an.«

»Können wir jetzt endlich lohoos?«, quengelte Hannah und drängte sich zwischen die anderen. Sie zupfte an dem Gespensterkostüm herum, das ihre Mutter aus alten Bettlaken geschneidert hatte, weil sich die Augenschlitze verschoben hatten und sie kaum etwas sehen konnte. »Bis wir auf Tour gehen, hat keiner mehr irgendwelche Süßigkeiten übrig!«

»Sind eh schlecht für die Zähne«, sagte Frank.

»Ich hab noch Milchzähne«, antwortete Hannah spitz, »die fallen sowieso irgendwann aus.«

»O Mann«, brummte Frank und stocherte mit dem kleinen Finger im rechten Ohr herum, »das Jucken macht mich noch wahnsinnig!«

»Bin ich schon längst«, sagte Dennis und ging zur Straße. Etwas leiser fügte er hinzu: »Kein Wunder bei dem Affentheater.«

Frank klopfte seinem Bruder mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. »Dann los, bevor du noch Verwesungsgeruch verströmst, du Nachwuchszombie!«

»Und passt auf eure Schwester auf!«, rief Frau Brenner hinterher, während Hannah zu ihren Brüdern aufschloss.

Das Trio drehte sich nicht mehr um, obwohl sie wussten, dass ihre Eltern ihnen hinterherwinkten.

Ist das peinlich, dachte Dennis und beschleunigte seine Schritte. Hoffentlich sieht mich keiner! Wenigstens hatte die Schminke seine Mutter davon abgehalten, ihm einen Kuss auf die Wange zu schmatzen.

»Wo fangen wir an?«, fragte Hannah.

»Bei den Hilperts«, antwortete Frank. »Frau Hilpert steht schon in der Tür und wartet auf uns.«

»Wie nett«, seufzte Dennis. Wenn er und seine Freunde auf der Straße kickten, stand sie auch immer in der Tür oder hinterm Fenster und achtete mit Argusaugen darauf, dass nur ja kein Ball ihren heißgeliebten Blumen die Köpfe abrasierte.

Die Ausbeute waren drei Minitafeln Ritter SPORT, eine Minitüte Gummibärchen und ein dummer Spruch über Hannahs goldiges Gespensterkostümchen. Als die drei von der Haustür zur Straße zurückkehrten, steckte Dennis sich den Zeigefinger in den Mund und simulierte Brechgeräusche.

Frank rülpste so laut, dass selbst Dennis zusammenzuckte.

»Ferkel!«, sagte Hannah und versuchte selbst zu rülpsen, aber es misslang und hörte sich eher wie Grunzen an.

»Üben, üben!«, riefen ihre Brüder gleichzeitig.

Als nächstes kamen die Gehrigs, die Müllers und die Familie Herbolzheimer an die Reihe. Vor dem verwitterten Haus von Alfons Grömling zögerten die drei.

»Ob der olle Alfons uns auch was gibt?«, überlegte Dennis laut.

»Kommt auf einen Versuch an.« Frank stiefelte los, ohne auf seine Geschwister zu warten.

Erst nach dem dritten Klingeln wurde die Haustür einen Spalt breit geöffnet. Ein unrasiertes, zerknittertes Gesicht erschien im Dämmerlicht.

Hannah trat neben ihren großen Bruder und drohte selbstbewusst: »Gib Süßes oder du kriegst Saures!«

»Also«, entfuhr es Alfons Grömling, dessen Miene sich noch stärker verfinsterte, »da hört sich doch alles auf! Haben euch eure Eltern keine Manieren beigebracht?« Er zog die Tür weiter auf. »In der Kirche kriegt man keinen von euch zu sehen, aber wenn’s darum geht, diesen heidnischen Firlefanz zu veranstalten, dann sind die Brenner-Kinder ganz vorn mit dabei. Hätt ich mir denken können!«

»Gibt’s jetzt was oder nicht?«, fragte Frank und schaute angriffslustig drein.

Alfons Grömling verengte die Augen zu Schlitzen. »Und was, wenn nicht, hä?«

Frank holte die pralle Popcorntüte, die sie von den Müllers bekommen hatten, aus seinem Rucksack. Er warf sie in die Luft und klatschte in dem Augenblick in die Hände, als die Tüte nach unten plumpste. Mit einem lauten Plopp regnete es Popcorn auf den Fußabstreifer und in den Hauseingang. Alfons Grömlings Kinnlade klappte nach unten.

»War nur saurer Regen«, kommentierte Frank und wandte sich abrupt um. »Nie ohne Schirm aus’m Haus gehen!« Im Stechschritt marschierte er zur Straße.

Dennis und Hannah folgten ihm. Alfons Grömlings Gekeife konnten sie nicht verstehen, weil an der nächsten Kreuzung eine Gruppe Untoter ihren Zombiewalk mit lautstarkem Stöhnen untermalte.

»Ich hab gedacht, das mit dem Sauren sagt man nur so«, raunte Hannah Dennis zu.

»Na ja, manchmal kriegt man halt doch Saures, wenn man nichts Süßes rausrückt. Hoffentlich verrät der olle Grömling unseren Eltern nichts.«

Als sie die Kreuzung überquert und die Zombies hinter sich gelassen hatten, trafen sie auf eine junge Mutter, die zwei kleine grüne Geistermädchen in Hannahs Alter begleitete. Ihre Jutetaschen waren prall gefüllt.

Auf einer hüfthohen Mauer saßen die beiden halbwüchsigen Vampire, denen jetzt Tomatensaft aus den Mundwinkeln übers Kinn lief. Einer hob den Oberkörper der Sexpuppe an, der andere rammte die lange Klinge seines Küchenmessers in ihren Hals und schüttete roten Saft aus dem Tetrapack auf den Einstich. Der jüngere der beiden schaute den Messerhelden entgeistert an, als die Luft aus der Puppe wich. Das Blut platschte auf die Mauer und den Gehsteig, einem der grünen Geister direkt vor die Füße. Mit einem erschrockenen Aufschrei fasste die junge Mutter die Mädchen an den Händen und suchte schleunigst das Weite.

»Cool«, entfuhr es Frank.

Hannahs entsetzter Blick verriet, dass sie es nicht ganz so cool fand.

Der Vampir mit dem Messer fauchte durch die Reißzähne, dann rannte er den Geistern hinterher. Die junge Frau drehte den Kopf und schrie: »Bleib uns vom Leib!«

Das Messer durchschnitt die Luft und erwischte einen grünen Tüllschleier, der im Wind flatterte. Die Mädchen kreischten auf.

Dennis blieb stehen und fragte: »Sind die besoffen?«

Frank starrte mit rotglühenden Wangen und leuchtenden Augen auf die Szene und knurrte aus tiefster Kehle. Er wirkte belustigt.

© Christian Weis

Livestory2013
Bis jetzt sind es elfeinhalb Seiten bzw. knapp 15.000 Zeichen.