Archiv der Kategorie: Wiederentdeckt

Die Haarteppichknüpfer

Als ich Teufelsgold, den aktuellen Roman von Andreas Eschbach, gelesen hatte, stand danach wieder einmal die Erkenntnis, dass mir seine ersten Romane in der Regel besser gefallen haben als die neueren. Für einen Autor ist das keine aufbauende Erkenntnis, weil man sich ja weiterentwickelt und hofft, dass die weiteren Werke noch besser ankommen als die bisherigen. Für viele Leser von Andreas Eschbach mag dies auch zutreffen, meine Lieblingsromane aus seiner Feder stammen allerdings aus seinen Anfangsjahren als Autor – nicht zuletzt, weil mir seine lupenreinen SF-Romane genretechnisch und thematisch mehr zusagen als viele seiner Bücher, die er in den letzten Jahren geschrieben hat. So etwa sein Erstling, der Science-Fiction-Roman Die Haarteppichknüpfer, für den er 1996 mit dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet wurde.

die-haarteppichknuepferIm galaktischen Kaiserreich hat die Gilde der Haarteppichknüpfer nur eine Aufgabe: Ihre Mitglieder knüpfen aus den Haaren ihrer Frauen Teppiche für den kaiserlichen Palast. Eine echte Lebensaufgabe – denn es dauert ein ganzes Menschenleben lang, bis einer dieser kunstvollen Teppiche fertig ist. Kontakt zum Kaiserreich haben die Haarteppichknüpfer nur in Form von Steuereintreibern und Teppichhändlern, die jedoch alle ihren Planeten mit seiner rückständigen, kaum technisierten Kultur noch nie verlassen haben. Für sie ist der Kaiser ein gottgleiches Wesen, dem sie zu dienen haben. Eines Tages kommt das Gerücht auf, der Kaiser würde schon seit geraumer Zeit gar nicht mehr über sein Reich herrschen, und ein Fremder, der auf dem Planeten landet, bestätigt dieses Gerücht. Wenn also der Kaiser einer Rebellion zum Opfer gefallen ist und es in seinem Palast gar keine Haarteppiche gibt und vielleicht nie gegeben hat – was ist dann aus den Abertausenden Teppichen geworden, die die Gilde an den Kaiser geliefert hat?

Eschbach erzählt die Geschichte der Haarteppichknüpfer in knapp zwanzig Episoden, die jedoch keine in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten darstellen, sondern aufeinander aufbauen. Sie vermitteln dem Leser nach und nach ein plastisches Bild, wie die Haarteppichknüpfer leben und arbeiten und was um sie herum geschieht. Das Ganze ist stilistisch erstklassig in Szene gesetzt. Setting und Sprache erinnern an eine Mischung aus Science Fiction, Fantasy und Märchen aus Tausendundeiner Nacht – für meine Begriffe passt die Sprache perfekt zum Hintergrund und zu den Geschehnissen, die sich über etliche Jahre hinziehen. Die Erzählperspektive wechselt öfters, ohne dass die Figuren aus den bisherigen Episoden ganz verschwinden.

Da die Taschenbuchversion, die ich besitze, leider kein schönes Cover hat (um es vorsichtig auszudrücken), hab ich mir endlich die Hardcover-Erstausgabe vom Schneekluth Verlag besorgt, deren Umschlagsbild ein echter Hingucker ist. Ich hab den Roman nun zum dritten Mal gelesen und mich davon überzeugt, dass meine Erinnerung nicht trügt, was ja gelegentlich vorkommen soll (manches Buch und manchen Film empfindet man Jahre später ja als nicht mehr ganz so toll wie früher). Nach wie vor gilt: Die Haarteppichknüpfer ist einer meiner Lieblingsromane (vielleicht auch der Lieblingsroman) von Andreas Eschbach und gehört zu meinen Lieblingsbüchern überhaupt.

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Wiederentdeckt: Angel Heart

Nach Der weiße Hai jetzt Angel Heart – Buch und DVD lagen schon länger auf meinem Wieder-mal-lesen-(und-schauen)-Stapel. Die Verfilmung hab ich erstmals gesehen, als sie 1987 ins Kino kam. Der Roman von William Hjortsberg aus dem Jahr 1978 (Falling Angel) folgte erst 2006, als er vom Area Verlag in der Übersetzung von Angelika Felenda neu aufgelegt wurde. In den letzten Tagen hab ich das Buch nochmal gelesen.

Angel HeartDie Geschichte spielt im Jahr 1959 in New York. Privatdetektiv Harry Angel hält sich mit Scheidungs- und Versicherungsbetrugsfällen über Wasser. Als er durch Anwalt Winesap einen Suchauftrag des zwielichtigen Louis Cyphre zugeschustert bekommt, ahnt er noch nicht, auf was er sich da einlässt. Er soll herausfinden, ob der ehemalige Schnulzensänger Johnny Favorite noch lebt, der im 2. Weltkrieg sein Gedächtnis verloren hat und damals in ein Sanatorium eingeliefert wurde. Cyphre möchte alte Schulden eintreiben. Nahezu jeder, den Angel über Favorite befragt, stirbt kurz darauf einen gewaltsamen Tod: ein früherer Arzt Favorites, ein Musiker, eine Wahrsagerin … Angel stöbert Favorites hübsche Tochter auf, die ihn fasziniert: Sie ist eine Mambo und zelebriert Voodoo-Rituale. Bis Angel merkt, wie tief er in den Machenschaften von Voodoo-Priestern und Teufelsanbetern herumgestochert hat, ist es zu spät für ihn, um sich noch aus dem Fall zurückzuziehen, zumal er selbst unter Mordverdacht gerät.

Der US-amerikanische Schriftsteller und Drehbuchautor William Hjortsberg feierte mit Falling Angel seinen größten Erfolg. Das liegt sicher an der Verfilmung mit Mickey Rourke, Robert DeNiro und Charlotte Rampling, aber auch am Setting und der Atmosphäre, die den Leser in den Bann zieht: Ende der Fünfziger herrschten noch andere Moralvorstellungen als heute, doch Angel kriegt es mit Leuten zu tun, die sich darum nicht scheren. Hjortsberg dreht die Spirale der Gewalt immer weiter, und als Leser ahnt man etwas früher als Harry Angel, wie tief er in diesen Strudel hineingezogen wird. Beim Lesen kannte ich das Ende bereits aus dem Kino, dennoch empfand ich die Entwicklung der Geschichte und den gesamten Hintergrund auch beim Wiederlesen als spannend.

Angel Heart DVDVerfilmt wurde der Roman im Jahr 1987 von Alan Parker, der unter anderem auch bei 12 Uhr nachts – Midnight Express, Pink Floyd – The Wall, Birdy und Mississippi Burning Regie führte. Hjortsberg arbeitete am Drehbuch von Parker mit, bekam dafür im Filmvorspann allerdings keinen Credit. Die Handlung wurde ins Jahr 1955 verlegt, möglicherweise um Mickey Rourke nicht zu alt erscheinen zu lassen, da Harry Angel 1918 geboren wurde. Der Film fängt die Atmosphäre des Buches gut ein – inklusive der blutigen Morde. Allerdings sind viele Dialoge verkürzt dargestellt, wodurch manche Zusammenhänge nicht so ganz klar oder vereinfacht werden und vor allem der Voodoo- und Teufelsanbeter-Hintergrund nicht so zur Geltung kommt wie im Buch. Trotzdem ist Parker ein guter Horrorfilm gelungen, der gekonnt mit den Elementen des Hardboiled Detective und des Film noir spielt.

„Im Abgrund“ in ZWIELICHT 1

Zwielicht 1Die seit 2009 erscheinende Horror-Magazin-Reihe ZWIELICHT, herausgegeben von Michael Schmidt und Achim Hildebrand, bringt es mittlerweile auf acht Ausgaben. Ich war schon öfters mit Kurzgeschichten vertreten, mit Im Abgrund auch bereits in der allerersten, die längst vergriffen ist (wie die meisten anderen auch). Nach und nach werden die alten Ausgaben jetzt neu aufgelegt. ZWIELICHT 1 ist gerade erschienen und enthält unter anderem Storys von Tobias Bachmann, Bernard Craw (Robert Corvus), Achim Hildebrand, Peter Nathschläger, Marcus Richter, Torsten Scheib, Jakob Schmidt und Michael Schmidt. Abgerundet wird die Ausgabe durch Genreartikel, z.B. über Montague Rhodes James.

Leseprobe „Im Abgrund“

Die Prioritäten in Burkards Leben verschoben sich grundlegend, als die Welt plötzlich ihr Oben und Unten verlor. Auf einer Wichtigkeitsskala von eins bis zehn belegte der Termin beim alten Hubrich, der vorher eine Acht oder gar eine Neun erhalten hätte, jetzt eine glasklare Eins. Und der notorische Schleicher in dem rostigen Fiat war mit einem Mal vergessen, als hätte eine Windbö sein Spielzeuggefährt weggeweht.

Der Überschlag war rasend schnell erfolgt, dafür zog sich die Rutschpartie auf dem Wagendach den Abhang hinunter eine halbe Ewigkeit hin. Der Mercedes rasierte Büsche ab, fällte eine dürre Birke, als wäre sie aus Pappe und blieb schließlich in einer Bodenmulde liegen, gebettet auf dichtbewachsene Weidensträucher, die das Fahrzeug mit ihrem ausladenden Astwerk umschlangen.

Burkard stieß einen Schrei aus, der gar nicht mehr enden wollte. Er brüllte den Schock und den Schmerz in die Abenddämmerung hinaus und gewahrte erst jetzt die zerborstene Scheibe der Beifahrertür. Ein daumendicker Ast hatte sich durch das Loch ins Fahrzeuginnere geschoben und wedelte neugierig mit seinen Blättern.

Allmählich ebbte der Schrei ab. Burkard ging die Luft aus, und er fürchtete, ohnmächtig zu werden. Er japste und hustete, während er nach dem Schloss des Sicherheitsgurtes tastete. Mit zittrigen Fingern brauchte er lange, bis er endlich die Schnalle öffnen konnte. Als er sich dann aus der unbequemen Position hinter dem Lenkrad lösen wollte, kommentierte ein Stich in der Magengegend die Tatsache, dass er eingeklemmt war.

Der Mercedes lag auf der Fahrerseite. Die Türverkleidung und die Armaturen bildeten ein Knäuel aus Metall, Kunststoff und Leder, das Burkards Bein in eisernem Griff festhielt. Wie ein Raubtier, das Klauen und Reißzähne in seine Beute geschlagen hat. Beim zweiten Versuch, sich aus dieser Lage zu befreien, brüllte Burkard auf. Ein rasender Schmerz zog sich vom Fußgelenk bis zum Oberschenkel hoch. Irgendetwas war da nicht nur eingeklemmt, es fühlte sich auch gebrochen, vielleicht zerschmettert, an.

Burkard warf den Kopf zurück in den Sitz und schloss verzweifelt die Augen. Er sog die Luft stoßweise ein wie ein Blasebalg. Dabei protestierte seine Lunge, als laste ein Tonnengewicht auf seinem Brustkorb.

Flach atmen, sagte er sich, und nicht bewegen! Um Gottes willen nicht bewegen …

Im nächsten Moment bohrte sich die Gewissheit in seine Eingeweide, dass er in einer abgelegenen Gegend von der Fahrbahn abgekommen und sein Wagen von oben vermutlich nicht zu sehen war – jedenfalls nicht aus einem fahrenden Auto heraus. Mit Hilfe konnte er also kaum rechnen, zumal die alte Staatsstraße selten genutzt wurde.

Burkard war in einer Kurve ins Schleudern geraten, kurz nachdem er diesen Schleicher endlich überholt hatte. Der Fiatfahrer musste gesehen haben, wie der Mercedes von der Straße abgekommen war! Hoffentlich war er nicht einfach weitergefahren …

Das Handy fiel Burkard siedend heiß ein. Wo war das verflixte Handy? Jedenfalls nicht mehr in der Ablage der Mittelkonsole. Sehen konnte er fast nichts, dazu war die Dämmerung zu weit fortgeschritten. Er schaltete die Innenraumbeleuchtung ein und ließ den Blick schweifen. Ohne Erfolg. Verbissen mühte er sich ab, um sich in eine Position zu bringen, die es ihm erlaubte, mit der Rechten tastend auf die Suche zu gehen. Aber das Handy lag im Nirgendwo, unerreichbar wie ein Ferrari. Keine Chance, an das Scheißding ranzukommen.

Ein gepresster Fluch entfuhr Burkard, gefolgt von einem wilden, unkontrollierten Schrei, mit dem er seiner Angst Luft machte. Als er das Blut entdeckte, das von seinem linken Oberschenkel auf die Türverkleidung tropfte, schaltete er das Licht unvermittelt wieder aus. Er wollte es gar nicht sehen.

Die Dunkelheit legte sich über ihn wie ein schweres, kaltes Leichentuch. Ihm wurde speiübel. Bald zitterte er am ganzen Leib, als würde das Wageninnere allmählich mit Eiswasser vollaufen. So musste es sich anfühlen, wenn man ertrank.

Die Zeit schien stillzustehen.

Monotones Rauschen im Schädel. Dumpfes Pochen im eingeklemmten Bein. Saurer Mageninhalt sucht sich den Weg ins Freie. Die aufgeplatzten Lippen brennen wie Feuer. Schmerz lässt die Uhr weiterticken.

Ein Rascheln aus heiterem Himmel, kurz darauf ein Kratzen. Burkard hielt den Atem an und lauschte angestrengt. Einen Moment lang fürchtete er, die Geräusche wären Begleitmusik für ein weiteres Abrutschen des Wagens, aber der Mercedes bewegte sich nicht.

Burkards Herz machte einen Sprung. Als das Rascheln lauter wurde, starrte er hinauf zum zerborstenen Beifahrerfenster, in dem sich der Weidenast, der in den Innenraum eingedrungen war, hin und her bewegte. Bange Sekunden vergingen, bevor eine Hand erschien, die den Ast packte und aus dem Wagen zog. Dann schob sich eine dunkle Gestalt in Burkards Blickfeld.

»Hilfe …«, röchelte er. Eigentlich hatte er laut rufen wollen, aber seine Stimmbänder versagten den Dienst.

Die Gestalt tastete sich vorsichtig näher an den Wagen heran und schaute durch das Loch in der Scheibe, die ansonsten aufgrund des spinnennetzartigen Gewebes nahezu blind war.

»Sind Sie verletzt?«, erkundigte sich der Mann, der im Dämmerlicht einer Schattengestalt aus einem Scherenschnittfilm glich.

»Mein Bein …«, jammerte Burkard, »ich bin eingeklemmt!«

Der Fremde machte sich am Türgriff zu schaffen, und es gelang ihm nach einigem Rütteln tatsächlich, die zerbeulte Tür einen Spaltbreit zu öffnen. Die Innenraumbeleuchtung wurde aktiviert, und jetzt konnte Burkard den Mann besser erkennen: ein eher unscheinbarer Mittvierziger mit Stirnglatze und einer Brille mit dicken Gläsern.

Bevor Burkard weitersprechen konnte, fiel die Beifahrertür krachend ins Schloss, und die Lampe über dem Rückspiegel verlosch augenblicklich. Panik stieg in Burkard auf wie aggressive Magensäure.

»He!«, krächzte er heiser. »Lassen Sie mich um Gottes willen nicht allein! Bitte …«

Die Tür wurde wieder geöffnet. »Entschuldigung«, sagte der Mann mit der Brille, »sie ist mir aus der Hand geglitten.« Er hatte unterdessen einen Ast abgebrochen und klemmte ihn jetzt zwischen Rahmen und Schloss, bis die Tür so weit offen stehen blieb, dass er ins Wageninnere schauen konnte.

»Ist es schlimm?«, fragte er, nachdem er sich einen Überblick über die Situation verschafft und ganz gewiss auch das Blut gesehen hatte.

»Es tut verflucht weh«, ächzte Burkard und schnappte nach Luft. »Keine Ahnung, wie ernst die Verletzungen sind.«

»Ich komme an Ihre Seite von außen nicht heran, und ich fürchte, von hier aus kann ich Sie auch nicht rausziehen.«

»Haben Sie ein Handy?«

Mit einem Kopfschütteln erwiderte der Fremde: »So etwas besitze ich nicht.«

»Ich hab eins, aber ich kann es nicht finden. Es muss irgendwo zwischen die Sitze gerutscht sein.«

Der Fremde blickte sich um, nicht ohne immer wieder respektvoll auf die Tür zu schielen. »Ich sehe kein Telefon«, erklärte er schließlich.

»Können Sie Hilfe holen? Sind Sie mit dem Auto vorbeigekommen?«

Der Fremde zögerte einen Augenblick. Zu lange, wie es Burkard schien. Und dann bestätigte er Burkards Vermutung: »Ich war hinter Ihnen. Sie … Sie haben mich vorhin überholt.«

Burkard nickte und senkte für einen Moment die Lider. Als die Schmerzwelle wieder abebbte, die seinen Körper durchflossen hatte wie ein Stromschlag, sagte er: »Bitte holen Sie Hilfe! Bis zur nächsten Ortschaft sind es zehn Kilometer. Dort gibt es Telefone …«

Wieder zögerte der Fremde. »Ja, natürlich«, brummte er dann. Er sagte es auf die Art und Weise, der gewöhnlich ein Aber folgt. Ein nachdrückliches Aber, wie seine tief gefurchte Stirn signalisierte.

© 2009 Christian Weis

Ein freundlicher Helfer – oder etwa nicht? Wie es weitergeht, kann man in ZWIELICHT 1 nachlesen.

Wiederentdeckt: Der weiße Hai

In den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren standen Autoren wie Alistair MacLean oder Peter Benchley für spannende Abenteuerromane, die häufig auch verfilmt wurden. Jedenfalls blieben diese beiden Namen bei mir nachhaltig hängen. Benchleys Faible für die Ozeanologie brachte ihn schon bei seinem Debütroman Der weiße Hai (Jaws) dazu, die Geschichte am Meer spielen zu lassen. In seinen weiteren Büchern setzte sich das fort, etwa bei Das Riff (The Deep) oder Freibeuter des Todes (The Island), die ebenfalls den Weg ins Kino fanden. Allerdings war er mit den Verfilmungen nicht immer glücklich, da die Kinoadaptionen von seinen Buchfassungen abwichen. Andererseits sorgte nicht zuletzt Steven Spielbergs Filmversion dafür, dass sich Benchleys Hai-Thriller von 1974 dreißig Millionen Mal verkaufte.

Der weiße HaiDie Neuausgabe im Hardcover beim Wiener Milena Verlag bescherte mir jetzt eine Wiederentdeckung der Romanfassung. Sie ist um zwei Essays von Peter Benchley ergänzt, in denen er die Entwicklung der Haiforschung und die drohende Ausrottung der Meeresräuber thematisiert, außerdem äußert er sich zu den Abweichungen der Drehbuchfassung von seiner Romanvorlage. Leider haben sich in den Buchsatz ein paar Fehler eingeschlichen, wodurch zum Beispiel Trennstriche mitten in der Zeile auftauchen – allerdings in einem für mich noch verschmerzbaren Rahmen.

Im Atlantik-Badeort Amity wird eine junge Frau, die nachts alleine im Meer baden geht, von einem Hai attackiert und getötet. Als Polizisten die angeschwemmten Überreste finden, will Polizeichef Brody den Strand für Schwimmer sperren. Doch die Stadtoberen, allen voran Bürgermeister Vaughan, reden es ihm aus, weil eine vermeintliche Haigefahr Amity in den Ruin treiben könnte. Schließlich lebt das Städtchen von seinen Sommergästen. Erst nachdem zwei weitere Haiopfer zu beklagen sind, setzt sich Brody durch. Der Fischkundler Matt Hooper soll den Hai aufspüren, aber seit ein offensichtlich von einem Hai attackiertes Fischerboot verlassen vor der Küste vorgefunden wurde, gibt es keine weiteren Anzeichen dafür, dass der Raubfisch – anhand eines Zahnfundes im Bootsrumpf legt sich Hooper fest, dass es ein etwa drei Tonnen schwerer Weißhai sein muss – noch die Gewässer vor Amity durchstreift. Während Brodys Ehefrau Ellen, die mit ihrem Leben unglücklich ist, ihren Mann mit Hooper betrügt, erpresst Vaughan den Polizeichef, damit er die Strände wieder freigibt. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, tötet ein Mann die Katze der Familie Brody vor den Augen des jüngsten Sohnes – die Mafia hat in Amity ihre Finger im Immobiliengeschäft und will sich dieses nicht vermiesen lassen. Also gibt es nur eins: Der Hai muss zur Strecke gebracht werden. Dafür wird der Fischer Quint engagiert, der sich mit Brody und Hooper in seinem Boot Orca auf die Jagd begibt.

Bei der Lektüre hat sich gezeigt, wie präsent eine Filmversion sein kann, wenn man den Roman liest, nachdem man den Film etliche Male gesehen hat. Im Buch werden die Hauptfiguren anders beschrieben als die Darsteller in Spielbergs Blockbuster, aber beim Lesen hatte ich ständig Roy Scheider, Robert Shaw und Richard Dreyfuss vor Augen … Außerdem konnte ich wieder einmal feststellen, dass sich Autoren früher – zumindest gefühlt – kürzer fassen konnten als heutzutage: Nach 260 Seiten ist der Roman zu Ende, und diese Länge ist auch völlig angemessen. Vielleicht lag das aber auch daran, dass sie ihre Werke noch in die Schreibmaschine tippen mussten, was gerade bei der Überarbeitung und einem Nochmaltippen härtere Arbeit bedeutete als im Zeitalter von modernen Datenverarbeitungsprogrammen.

Der weiße Hai DVDBenchley verfasste auch den ersten Entwurf des Drehbuchs, allerdings wurde er dabei angehalten, nur die Abenteuergeschichte zu verwenden und Themen wie Ehebruch oder Mafia außen vor zu lassen. Carl Gottlieb schrieb schließlich noch einiges um, so dass sich der Film nur grob an die Romanhandlung hält und viele Einzelheiten zu den im Buch wesentlich vielschichtigeren Personen und Hintergründen fehlen. Auch viele Details zur Haiforschung werden nur grob angesprochen, wodurch der Hai im Film eher als mordlüsternes Monster rüberkommt, weniger als Raubtier, das seinen Instinkten folgt. Der gesamte Mittelteil des Romans mit Ellen Brodys Seitensprung und den Mafiaaktivitäten entfällt. Diese Handlungselemente hätten dem Film sicher etwas von der Spannung genommen, die Protagonisten aber in einem anderen Licht erscheinen lassen. Die Jagd nach dem Hai in der zweiten Filmhälfte läuft im Film anders ab, zumal es keine Spannungen zwischen Hooper und Brody (der im Roman etwas von dem Seitensprung ahnt) gibt. Dass die Haiattrappe nicht so funktionierte, wie der damals 29jährige Steven Spielberg es sich vorgestellt hatte, und deshalb seltener und oftmals nur kurz zu sehen ist, schadet dem Film nicht – dadurch wirkt der Meeresräuber, unterstützt durch John Williams’ genialen Soundtrack, umso bedrohlicher. In der Buchfassung wird der Hai eher als majestätischer Raubfisch dargestellt, was ihm aber nichts von seiner furchteinflößenden Erscheinung nimmt. Der erste Satz in der ordentlichen Romanübersetzung von Vanessa Wieser lautet: „Der mächtige Fisch bewegte sich, angetrieben von kurzen Schlägen seines sichelförmigen Schwanzes, ruhig durch die nächtliche See.“

Ich weiß heute nicht mehr, ob ich damals zuerst die Verfilmung gesehen oder den Roman gelesen habe, meine aber, die zerfledderte Taschenbuchversion erst nach dem Kinobesuch in die Finger bekommen zu haben. Bei der Erstaufführung 1975 durfte ich noch nicht ins Kino, weil ich zu jung war. Aber in den Siebzigern und Achtzigern gab es bei uns ständig Wiederaufführungen von erfolgreichen Filmen, bevor Videotheken diese speziellen Programme unrentabel machten. So konnte ich Filme wie Der weiße Hai, Spiel mir das Lied vom Tod, Ben Hur oder auch die älteren James-Bond-Streifen auf der großen Leinwand sehen, bevor sie dann über die kleine Mattscheibe flimmerten. Von Der weiße Hai besitze ich die DVD-Version mit der Originalsynchronisation – es gibt auch eine klanglich aufgemotzte, bei der allerdings die neuen Sprecherstimmen so ungewöhnlich klingen, dass ich diese Version beim Anschauen schon nach wenigen Minuten abgebrochen habe.

Das Ding aus einer anderen Welt

Astounding SF August 1938John W. Campbell veröffentlichte unter dem Pseudonym Don A. Stuart seine SF-Horror-Novelle Who Goes There? im Jahr 1938 in ASTOUNDING SCIENCE-FICTION (das es unter dem Namen ANALOG übrigens immer noch gibt!), als er selbst der Herausgeber dieses amerikanischen Magazins war. Wer sich für alte Pulp Magazine interessiert, kann kostenfrei die August-Ausgabe 1938 als PDF herunterladen. Seitdem wurde die Novelle mehrfach verfilmt und sicherlich unzählige Male in Anthologien abgedruckt. Beim Festa Verlag erschien sie jetzt auch in einer eigenständigen Buchausgabe, allerdings zusammen mit dem Horrorroman Parasite Deep – Parasiten aus der Tiefsee von Shane McKenzie als Wendebuch, da die Novelle nur etwa 100 Seiten lang ist.

Das DingIn einer Antarktis-Forschungsstation sehen sich die knapp 40 Crewmitglieder mit einem Fund konfrontiert, der vermutlich Jahrmillionen im ewigen Eis gelegen hat: Ein Wesen aus einer anderen Welt taut in der Station langsam aus dem Eisblock auf, in dem es geborgen wurde, bevor das Raumschiff, dem es entstammt, bei der Bergungsaktion zerstört wurde. Die Wissenschaftler sind sich nicht einig, ob von dem Alien nicht eine zu große Verseuchungsgefahr ausgeht, wenn es aus dem Eis befreit wird – wer weiß schon, was es aus seiner fremden Welt auf die Erde eingeschleppt hat? Dennoch wird es aufgetaut, denn es bietet natürlich auch die einmalige Gelegenheit, ein extraterrestrisches Lebewesen zu untersuchen, von dem die leitenden Wissenschaftler glauben, dass es tot ist und alle Keime längst abgestorben sein müssen. Dass dem nicht so ist, kann man sich denken – und so kommt es, wie es kommen musste: Das Ding aus einer anderen Welt befreit sich und befällt fortan die Schlittenhunde und auch die Crewmitglieder. Es kann die Gestalt seiner Opfer nachahmen, wodurch niemand in der Forschungsstation mehr sicher sein kann, ob sein Gegenüber noch ein Mensch ist.

Das Ding FilmErstmals wurde die Novelle 1954 von Howard Hawks und Christian Nyby unter dem Titel The Thing verfilmt. Damals jedoch nicht besonders werksgetreu, man orientierte sich nur an der Grundidee. Wesentlich näher an Campbells Geschichte blieb John Carpenter, der sich 1982 an eine Neuverfilmung wagte, die längst Kultstatus genießt (wie viele andere Carpenter-Streifen auch). Kurt Russell spielte die Hauptrolle, und Rob Bottin sorgte für die Tricktechnik, mit der das sich immer wieder verwandelnde Alien auf der Leinwand endlich auch storygerecht dargestellt werden konnte. Den Soundtrack steuerte Ennio Morricone bei, allerdings ergänzt durch einige Tracks von Carpenter himself, der in jüngster Vergangenheit auf einer Live-Tour die selbstkomponierte Musik aus seinen Filmen präsentiert hat. Ich hab den Film schon zigmal gesehen und kann ihn immer wieder anschauen.

Kein Witz: Gemäß einer Tradition sehen sich die Crewmitglieder der realen Südpol-Station gemeinsam beide Filmversionen von The Thing an dem Tag an, an dem das letzte Flugzeug vor dem Winter die Station verlässt. Makaber, makaber.

Das Ding Parasite DeepDer Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich den anderen Roman des Wendebuchs, Parasite Deep, nur quergelesen habe. Wer einen kurzen, derb-deftigen B-Movie-Horror-Roman im FSK-18-Format lesen möchte, in dem kaputte, permanent fluchende Typen von Meeresungeheuern gefressen werden, kann ja mal reinlesen. Ich mag zwar viele B-Movies, aber hier fehlt mir das gewisse Etwas, das einigen von diesen Filmen zum Kultstatus verholfen hat. Trotzdem lohnt sich das Buch: Who Goes There? ist ein großer Klassiker und Meilenstein der Science Fiction.

Der Teufelskeiler

Hier noch ein Nachtrag zur Lansdale-Storysammlung und meinen Empfehlungen zum texanischen Autor: Sein Kurzroman Der Teufelskeiler, 2008 beim Berliner Shayol Verlag erschienen, gehört auch zu den Sabine-River-Geschichten, die ich jedem ans Herz legen kann. Auf 140 Seiten beschert Joe R. Lansdale einen Leckerbissen, der durch zahlreiche Illustrationen von Henning Ahlers auch zum Kleinod für Büchernarren wie mich geworden ist.

Geschichten, die rückblickend Abenteuer aus der Kinder- oder Jugendzeit erzählen, haben es mir schon immer irgendwie angetan. Mein Lieblingsroman aus dieser „Gattung“ ist Unschuld und Unheil von Robert R. McCammon, daneben haben Stephen King, Dan Simmons und eben auch Lansdale bemerkenswerte Werke abgeliefert, die ich geradezu verschlungen habe.

Der TeufelskeilerRichard Dale muss in Abwesenheit seines Vaters im Texas der dreißiger Jahre auf der elterlichen Farm den „Mann im Haus“ mimen und sowohl auf seine hochschwangere Mutter als auch auf seine Geschwister achtgeben. Als wäre das nicht genug Verantwortung für einen Fünfzehnjährigen, taucht auch noch ein riesiger wilder Keiler auf, dem man nicht ohne Grund den Namen „Old Satan“ verpasst hat. Als das Monstrum Hunde und Nutzvieh tötet und den Menschen gefährlich nahe kommt, geht Richard das Wagnis ein, sich dem Keiler zusammen mit seinem farbigen Freund Abraham zu stellen.

Der Kurzroman hat mich in punkto Zeit- und Lokalkolorit an John Steinbecks Von Mäusen und Menschen erinnert (auch wenn er das Rassismusthema weitgehend ausspart). Er liest sich weg wie nichts, und das war auch das Einzige, das mir beim ersten wie beim zweiten Lesen nicht gefallen hat: Ich war viel zu schnell damit durch …

Replay – Das zweite Spiel

Replay – Das zweite Spiel von Ken Grimwood könnte ich nach dem zweiten Lesen ins Regal mit meinen Lieblingsbüchern einordnen – wenn ich ein solches Regal hätte. Der Roman erschien 1986 und wurde mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet.

ReplayJeff Winston erleidet im Jahr 1988 einen Herzanfall und kommt 1963 im jugendlichen Alter wieder zu sich. Und das nicht nur einmal, sondern mehrfach. Er ist in einer Art Zeitschleife gefangen, was ihm den Segen – oder den Fluch – verschafft, sein Leben immer wieder leben zu können und das besser zu machen, was er im vorigen Dasein verbockt hat. Im zweiten Leben wird er stinkreich, indem er beim Pferderennen dank seines Vorwissens auf den Sieger wettet und den Gewinn mit anderen Sportwetten und Aktienkäufen vermehrt. Doch er muss auch feststellen, dass er gewisse Dinge nicht so beeinflussen kann, wie er möchte. Weder gelingt es ihm, das Attentat auf John F. Kennedy zu verhindern, noch schafft er es, seine Jugendliebe mit seinem Geld zu beeindrucken. Und so muss er Leben für Leben Erfahrungen machen, die ihn prägen – bis er auf eine Wiederholerin trifft, die sein Schicksal teilt. In ihren weiteren Leben treffen sie immer wieder aufeinander – allerdings nicht immer so, wie sie es sich vorstellen.

Grimwood erzählt seine Geschichte so packend, dass ich das Buch auch beim zweiten Lesen kaum aus der Hand legen konnte. Sie handelt nicht so sehr von dem Phänomen der Zeitschleife an sich, das Winston auch mithilfe von Wissenschaftlern nicht enträtseln kann. Vielmehr handelt sie von sich bietenden Chancen, die man im Leben nutzt oder eben auch nicht. Und davon, dass man selbst bei bester Planung nicht alles so hinbekommt wie erhofft. Das Leben ist selbst dann nicht vorbestimmt, wenn man seine – oder eine mögliche – Zukunft kennt.

Eine Warnung: In der Heyne-Ausgabe der Reihe Meisterwerke der Science Fiction ist ein Vorwort von John Grant abgedruckt, das Spoiler enthält. Man sollte es also besser als Nachwort lesen.