Gulag

Zwielicht 7 Saphir im StahlInzwischen ist die siebte Ausgabe des Horrormagazins ZWIELICHT als eBook beim vss verlag erschienen (und auch über Amazon und Beam erhältlich), die Taschenbuchausgabe folgt in den nächsten Tagen bei Saphir im Stahl. Darin findet sich mit Die Königin der Fischer eine saugut erzählte Story der US-amerikanischen Autorin Alyssa Wong, die 2014 im MAGAZINE OF FANTASY & SCIENCE FICTION erschien und für den Nebula Award, Shirley Jackson Award und den World Fantasy Award nominiert wurde. Außerdem gibt es Übersetzungen von Klassikern aus der Feder von Algernon Blackwood und Sheila Hodgson zu lesen. Zudem neue deutschsprachige Geschichten der Kollegen Ellen Norten, Michael Tillmann, Bettina Ferbus, Daniel Huster und Dominik Grittner sowie Genreartikel von Björn Ian Craig (der auch das Cover gestaltet hat), Daniel Neugebauer, Eric Hantsch und Katharina F. Bode. Und eine Story von mir mit dem Titel Gulag – wer mal reinschmökern mag:

Leseprobe „Gulag“

Mein Vater war im Krieg und kehrte erst nach siebenjähriger Gefangenschaft aus Sibirien heim. Mit ihm kam etwas nach Hause, das er sich in Russland geholt hatte. Dafür hatte er etwas anderes dort zurückgelassen.

Es war ein seltsames Gefühl, als er plötzlich im offenen Hoftor stand und zu uns herübersah. Er blinzelte, weil ihn die Morgensonne blendete. Meine Schwestern Hedwig und Kathi kamen gerade aus dem Hühnerstall, wo sie vier kümmerliche Eier gefunden hatten, und ich wollte das Wasser ins Haus bringen, das ich aus dem Brunnen in eine Blechkanne gepumpt hatte.

»Mama!«, hörte ich Kathi rufen. Nicht Papa, wie zu erwarten gewesen wäre, denn Kathi war erst neun, und sie kannte unseren Vater kaum. Als er seinen letzten Fronturlaub zu Hause verbracht hatte, war sie noch keine anderthalb Jahre alt gewesen. Vielleicht hätten Hedwig und ich auch zuerst Mama gerufen, da der Mann dort vorne am Hoftor durch seine in Lumpen gehüllte hagere Gestalt, die ausgedünnten Haare und die tief in den Höhlen liegenden Augen wie ein Fremder wirkte.

Offenbar auch für unsere Mutter, die zunächst stocksteif in der Haustür stand. Sie brachte keinen Ton über die Lippen, obwohl zu erkennen war, dass sie etwas sagen wollte. Irgendetwas zumindest.

Die nächsten Stunden erlebte ich wie im Fiebertraum. Wir alle schwankten in unserer Ungläubigkeit zwischen Weinen und Lachen. Die Unsicherheit hielt uns wie ein Netz gefangen, sie war mit Händen zu greifen. Wir redeten kaum in zusammenhängenden Sätzen. Kathi sprach, glaube ich, kein einziges Wort. Nur mein Vater schien die Ruhe zu bewahren. Er wirkte müde, aber gefasst. Wie es in ihm drinnen aussah, konnte ich nicht einmal ansatzweise erahnen.

»Der Gulag macht aus jedem einen anderen Menschen«, erklärte Mama, als Vater im Dorf war, um sich im Rathaus zurückzumelden. »Wir müssen ihm Zeit geben, sich hier wieder einzugewöhnen.« Sie bemühte sich, Haltung zu wahren, aber die feuchten Augen und die schmalen Lippen konnte sie nicht vor uns verbergen.

Dass die Straflager in Russland Gulag genannt wurden, wusste ich zwar, hatte jedoch nie darüber nachgedacht, wie es einem dort erging. Mein Vater hatte als vermisst gegolten, aber wir hatten »vermisst« im Lauf der Jahre mit »gefallen« gleichgesetzt, weil Vaters Infanterieeinheit nahe einer Stadt namens Kursk komplett aufgerieben worden war. Und »aufgerieben« klang für uns ganz entschieden nach »nicht mehr am Leben«, jedenfalls für Hedwig und mich, auch wenn Mama immer sagte, man könne es nicht genau wissen.

Unser Hof befand sich einen dreiviertel Kilometer außerhalb des Dorfes. Auf halbem Weg in den Ort lag noch ein Aussiedlergehöft mit einer Mühle. Ein bewirtschafteter Hof im eigentlichen Sinne war unserer nicht mehr, seit der Bauer mit der Wehrmacht in den Krieg gezogen war. Die Äcker hatte Mama verpachtet, und die Milchkühe musste sie der Reihe nach verkaufen, damit sie uns Kinder ernähren konnte. Das Geld, das sie für gelegentliche Näharbeiten bekam, reichte nicht hinten und nicht vorne, wobei es meistens gar kein Bargeld, sondern Naturalien dafür gab; ein Stück Räucherspeck, hausgemachte Sülze oder Zucker, wenn wir Glück hatten, üblicherweise jedoch eher Mehl, Milch oder Rübensirup. Ein paar Hühner besaßen wir noch, aber die legten mit der Zeit immer weniger Eier, als würden die Ringe unter Mamas Augen, die größer und dunkler wurden und sie steinalt aussehen ließen, auf sie abfärben. Hauptsächlich lag es an mir und der anderthalb Jahre jüngeren Hedwig, sich um das wenige zu kümmern, was es auf dem Hof noch zu tun gab, denn Mutter brauchte ihre verbliebene Kraft fürs Kochen und für die Näharbeiten. Und für das Weinen, das sie sich außerhalb ihrer Schlafkammer verkniff, damit wir es nicht mitbekamen. Aber obwohl unser Wohnhaus stabil gebaut war, erwiesen sich die Wände als hellhörig, wenn rundherum die Stille regierte. Ohne uns hätte Mama wohl nicht durchgehalten, nicht nur, weil wir ihr Arbeit abnahmen, sondern auch, weil sie für uns da sein wollte.

Als Vater mittags aus dem Dorf zurückkehrte, bereitete sie gerade aus den vier Eiern, Mehl, Kartoffeln und ein paar Karotten eine kräftige Suppe zu. »Fleisch haben wir leider keins«, erklärte sie verlegen, »aber wir könnten ein Huhn …«

Vater schüttelte den Kopf. »Nein, nein, lass mal, das sieht köstlich aus und duftet auch so. Besser als das allermeiste, was ich in den letzten Jahren bekommen hab. Viel besser als Brennnesselsuppe.« Er sprach es mit ruhiger, freundlicher Stimme aus, fast warmherzig. Doch seine Augen verstrahlten eine Eiseskälte, die den Worten Frostbeulen verpasste.

Es fiel mir schwer, ihn Papa zu nennen, weil er nicht mehr der Papa von früher war. In vielerlei Hinsicht.

Beim Essen hatten wir einen ungebetenen Gast. Eine Kakerlake kam hinter der Suppenschüssel hervor und krabbelte schnurstracks auf Mamas Teller zu. Hedwig und Mama kreischten auf, Kathi und ich zuckten erschrocken zurück. Nur Vater blieb seelenruhig sitzen und verfolgte den Weg der Kakerlake mit seinem Blick. Seine Augen wirkten starr, aber sein Kopf wanderte mit der Bewegung der Schabe und verharrte erst, als auch die Kakerlake verharrte. So schnell wie eine Katzenpfote bei der Mäusejagd schoss Vaters Hand über die Tischplatte, und im nächsten Moment war die Kakerlake verschwunden. Mit der zur Faust geballten Rechten stand Vater auf und ging nach draußen. Gebannt starrten wir anderen auf die Stelle, an der eben noch die Schabe gesessen hatte, schließlich hoben wir die Köpfe, und unsere Blicke kreuzten sich. Kurz darauf hörten wir das Quietschen der Wasserpumpe vom Brunnen, dann kehrte Vater mit nassen Händen in die Küche zurück und trocknete sie am Handtuch, das hinter der Tür hing. Er setzte sich an den Tisch, als wäre nichts gewesen und löffelte weiter seine Suppe.

»Toni, was denkst du, was hat Papa mit dem Vieh gemacht?«, fragte Hedwig flüsternd, als wir das Geschirr abwuschen, während unsere Eltern auf dem Dachboden nachsahen, was von Vaters alten Kleidungsstücken noch zu gebrauchen war.

»Mit der Kakerlake?«, erwiderte ich. »Was soll er mit der schon gemacht haben? Zertreten hat er sie vermutlich.«

Hedwig schluckte. »Nicht … gegessen?«

Meine Augen weiteten sich. »Wie kommst du denn darauf

»Na ja, vielleicht haben die Kriegsgefangenen im Gulag auch Ungeziefer ge… ich meine, die haben dort wahrscheinlich nicht genug zu essen gekriegt, oder? Schau dir Papa doch an! Er sieht aus wie ein Gespenst.«

© 2015 Christian Weis

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