Das geschriebene Wort

Dass das geschriebene Wort große Macht besitzt, ist ja hinlänglich bekannt. Warum sonst wird all das gesammelt und gespeichert, was irgendwo aufgeschrieben wurde – nicht nur bei der NSA und Konsorten? (Wenn ich jetzt Anschlag und Zack-Bumm dazuschreibe, wird dieser Blogeintrag dann auch für die Ewigkeit festgehalten?)
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Das geschriebene Wort

»Ich heiße nicht Ebenezer«, sagte er mit fester Stimme, »mein Name ist Oliver.« Achselzuckend fuhr er fort: »Tut mir leid, aber da muss eine Verwechslung vorliegen. Hier gibt und gab es meines Wissens weit und breit niemanden mit dem Namen Ebenezer, und ich muss es wissen, denn ich kenn mich hier recht gut aus. Ich wünsch Euch trotzdem einen schönen Tag. Und frohe Weihnachten natürlich!« Er lüpfte den Zylinder und setzte seinen Weg fort.

*

Mit einem langen Seufzer auf den Lippen lehnte Henry sich zurück und legte die Feder aus der Hand. Nachdem er den letzten Absatz noch einmal überflogen hatte, senkte er die Lider und bemühte sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Allmählich ließ das kehlige Röcheln nach, und das schmerzhafte Klopfen in der Brust ebbte ab. Die Wanduhr tickte; tickte lauter und übertönte endlich das Pochen in Henrys Schläfen. Dieses aufgeregte, wilde Pochen, mit dem seine ungezügelte Vorstellungskraft gegen die Vernunft stritt.

Glaubst du, dass du damit davonkommst? So billig?

Henry riss die Augen auf und sah sich gehetzt um. Der Schrecken wogte erneut in seiner Brust, schlimmer noch als vorher. Fand kein Ventil, nicht einmal den kleinsten Durchlass. Schmerzhaft drängte er sich gegen die Rippen, gegen den Kehlkopf. Presste die Augäpfel beinahe aus den Höhlen.

Aber niemand war im Raum. Henry saß allein an seinem alten, wurmstichigen Schreibtisch. Nur ein eiskalter Hauch, der seinen Nacken streifte, zeugte von dem unsichtbaren Gast. Henry schluckte hart und starrte auf das Blatt Papier, auf dem die Tinte gerade trocknete.

Du kannst es nicht ungeschehen machen, niemals. Niemand kann das.

»Es ist nur eine Geschichte«, kam es heiser über Henrys Lippen. »Nur eine Geschichte …«

Weißt du denn nicht, wozu du imstande bist? Kennst du nicht die Macht des geschriebenen Wortes?

Henry wurde es zu eng in seinem abgetragenen Rock. Mit zitternder Hand löste er Knöpfe und Hemdkragen, dann beugte er sich nach vorn und vergrub das Gesicht in seinen Händen. »Nie hätte ich geahnt, dass dies möglich ist. Nie, nie …« Er hob den Kopf und starrte ins Dämmerlicht. »Ich will es wiedergutmachen. Jetzt, auf der Stelle. Sag mir nur, wie!«

Erneut streifte ihn der Hauch, ließ ihn zusammenzucken.

Hoffst du auf die Befreiung durch Läuterung?

Ein schwaches Nicken. Mit dem Knistern der Stummelkerzen erglomm ein winziger Funke, und die Zuversicht trat ihren Kampf gegen die Furcht an. Ein Kampf gegen Windmühlen, wie sich zeigte.

Ich muss dich enttäuschen: So viel Macht hat das geschriebene Wort nicht. Du kannst uns damit rufen, aber einfach wieder loswerden kannst du uns nicht. Wir genießen unser Dasein viel zu sehr. Niemand kann den Tod überlisten, auch du nicht, Henry Harrington. Also füg dich in das Unvermeidliche.

»Aber«, warf Henry matt in den Raum, »ich bin doch nur der Ghostwriter. Wie hätte ich das ahnen können? Charles hat mir nie etwas davon gesagt! Er hat den ganzen Ruhm geerntet, vor allem mit der Weihnachtsgeschichte, und mich hat er immer nur mit schönen Worten und ein paar Pfund Sterling abgespeist.« Er fasste sich an die Brust. »Womit hab ich das also verdient?«

Frag Charles, er sitzt hier neben mir und freut sich auf ein Wiedersehen. Deine letzten Werke waren nicht so ganz nach dem Geschmack der Leser, also natürlich auch nicht nach seinem Geschmack.

Als die Worte gingen, kehrte der kalte Hauch zurück. Und diesmal verweilte er. Wie frostige Finger legte er sich um Henrys Hals, zwängte sich alsbald zwischen seinen spröden, rissigen Lippen hindurch und glitt, einem Eiszapfen gleich, die Kehle hinunter. Glitt tief hinunter bis zum Herz, umarmte es wie einen alten, lang vermissten Freund und fror es ein.

© Christian Weis

Der WeihnachtsabendDiese kleine Geschichte hab ich vor etlichen Jahren verfasst, nachdem ich mal wieder Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte gelesen hatte (in einem dieser zu Schulzeiten eher verschmähten, heute aber durchaus mit nostalgieleuchtenden Augen betrachteten Reclam-Büchlein). Geschrieben hab ich die Story sozusagen als Fingerübung aus Spaß an der Freud – sollte ich vielleicht öfter machen, denn mein Vorsatz, wieder regelmäßiger zu schreiben, ist irgendwie gerade auf dem besten Weg, sich in Luft aufzulösen.

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