Unsterblich

Im Jahr 2044 ist eine Weiterexistenz nach dem Tod in digitaler Form möglich. Die sogenannten „Ewigen“ gleichen dem Verstorbenen aufs Haar, verhalten sich so wie er und verfügen scheinbar über sein gesamtes Wissen und seine Erinnerungen. Der weltweit agierende Konzern Immortal organisiert das Ganze. Alle Staaten unterstützen das Projekt, indem sie Gesetze erlassen, die das Agieren der „Ewigen“ und das „Zusammenleben“ mit ihnen regeln. Mithilfe eines Lebenstrackers, den nahezu jeder trägt, wird das gesamte Leben aufgezeichnet. Aus diesen Daten kann man nach dem Tod eine virtuelle Kopie eines Menschen erstellen. Diese wird dann in eine Virtual Reality integriert, die jeder erleben kann, weil alle einen Chip im Gehirn tragen müssen, der dies ermöglicht. Man kann einem digitalen Klon jedoch nicht die Hand geben, denn er existiert nicht körperlich, sondern nur in der Virtual Reality (was es Haustieren zum Beispiel unmöglich macht, ihr früheres Frauchen oder Herrchen zu sehen).

UnsterblichEs gibt eine Bewegung, die sogenannten Thanatiker, die diese Entwicklung nicht mitmachen und möglichst stoppen möchte. Sie versucht den Menschen klarzumachen, dass digitale Klone eben nicht das ewige Leben garantieren, sondern lediglich die Weiterexistenz einer Person in Form von Computercodes, die nur ein zugegebenermaßen ziemlich realistisches Abbild, jedoch ohne Bewusstsein, erschaffen. Außerdem sind Manipulationen vonseiten des Immortal-Konzerns Tür und Tor geöffnet. Zwar gibt es mit Fidelity eine Versicherungsgesellschaft, deren Mitarbeiter – wie etwa der Protagonist Benjamin Kari – die Authentizität der „Ewigen“ überwachen und garantieren sollen, doch eine echte Kontrolle des Systems existiert nicht. Das muss auch Kari schmerzvoll erkennen, als er beauftragt wird, das Verschwinden von Marlene Dietrich aufzuklären – bzw. das Verschwinden ihres digitalen Klons. Er kommt dabei einem ehemaligen Immortal-Programmierer auf die Spur, der inzwischen seine eigenen Pläne verfolgt – hochbrisante und gefährliche Pläne, wie sich herausstellt.

Der deutsche Wissenschaftsjournalist Jens Lubbadeh hat in seinem SF-Roman Unsterblich ein interessantes Zukunftsszenario geschaffen – in einem ebenso interessanten Setting, bei dem allerdings andere technische Entwicklungen neben den „Ewigen“ eine untergeordnete Rolle spielen. Zwar kommen ultramoderne Drohnen zum Einsatz oder eine Rakete, mit der man sich von Las Vegas aus ins All schießen lassen kann, doch andere Bereiche stechen kaum hervor – falls ich angesichts der über weite Strecken spannenden Geschichte nichts überlesen habe. Die Ewigen-Technik scheint andere Entwicklungen deutlich überholt zu haben, was nicht unplausibel ist, da der Immortal-Konzern eine absolut beherrschende Stellung eingenommen hat und sich auf sein Projekt konzentriert. Trotzdem fragt man sich, warum Immortal nicht mehr aus dieser Technik macht – ähnlich wie es etwa Konzerne wie Google schon heute demonstrieren, indem sie immer mehr Sparten bedienen und sich auch dort zum Monopolisten machen wollen.

Das Szenario wirft natürlich immer wieder die Frage auf: Ist das alles theoretisch machbar oder zumindest denkbar? Würde eine Filmgesellschaft Marlene Dietrich wiedererschaffen, um sie in aktuellen Filmen mitwirken zu lassen? Warum nicht. Aber würden die Deutschen eine digitale Kopie von Helmut Schmidt wiederholt zum Bundeskanzler wählen – oder die Amerikaner eine Kopie von JFK zum Präsidenten? Eine Kopie, die auf ein gewisses Alter und einen gewissen emotionalen Stand „eingefroren“ ist und sich nicht weiterentwickeln kann, da es sich um ein Computerprogramm ohne Bewusstsein und nicht um eine Künstliche Intelligenz handelt? Wohl kaum. Andererseits – wenn man bedenkt, was Menschen heutzutage bereits Konzernen wie Apple, Facebook, Google oder Microsoft mehr oder weniger blind anvertrauen, erscheint es vielleicht doch nicht ganz unmöglich.

Um das von Immortal geschaffene System mit den „Ewigen“ und Avataren, die man quasi als Stellvertreter irgendwohin schickt, wo man gerade selbst nicht sein kann, plausibel zu machen, werden immer wieder Erklärungen eingeschoben, die mich nicht restlos überzeugt haben. Lubbadeh verheddert sich gelegentlich ein wenig in diesen Erklärungen. Das und ein paar Längen sind jedoch weitgehend verschmerzbar. Insgesamt hat Jens Lubbadeh mit seinem SF-Krimi Unsterblich einen beachtlichen Debütroman vorgelegt, über den man stundenlang diskutieren könnte – was ihn aus der Masse der SF-Veröffentlichungen sicherlich heraushebt. Er ist bei Heyne in einem sehr schön aufgemachten Paperback mit Klappenbroschur erschienen. Das in meinen Augen gelungene Titelbild wiederholt sich innen als Kapitelvignette – diese Gestaltung darf von mir aus ruhig Schule machen.

Eine Antwort zu “Unsterblich

  1. Danke fürs Abbilden dieser komplexen Problematik!

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